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Die Yeziden vor Sheikh Adi

Dr. Pir Mamou Othman

(Dieser Artikel existiert auch in kurdischer Fassung: Hyperlink)

 

Die yezidische Religion ist eine der kontroversesten alten Religionen der Welt. Die Tatsache, daß Sheikh-Adi Ibin Musafir (ca. 1162 nach Christus) eine radikale Veränderung in der yezidischen Religion durchgeführt hat, hängt wie ein dunkler Vorhang vor der yezidischen Vergangenheit. Es herrscht allgemein Übereinstimmung, daß diese Religion vor Sheikh-Adi existierte, aber mit anderem Namen und sicherlich mit anderen Sitten und Traditionen.

 

In meinem letzten Artikel "Ein Licht über die Philosophie der yezidischen Religion" konzentrierte ich mich auf die philosophische Auseinandersetzung in der yezidischen Religion, nämlich Ta´usi-Melek als Gottes Vertreter auf der Erde und nicht als das "Böse", wie es von anderen Religionen behauptet wird, Ta´usi-Melek als ästhetisches Phänomen, nur von den Yeziden als solches interpretiert und fest geglaubt.

 

Für die Yeziden ist Ta´usi-Melek wie Feuer mit dualistisch elementaren Fähigkeiten, nämlich Feuer als Licht, aber auch Feuer für Verbrennung: Gut und Böse in derselben Gestalt. Gleichzeitig ist der Mensch selbst eine Mischung von zwei Mächten: Gut und Böse, also jeder Yezide hat ein Stück von Ta´usi-Melek in sich.

 

Eine eingehende Untersuchung der vorhandenen Literatur über die alten Religionen des Nahen Ostens ergibt keine Hinweise über eine direkte Verbindung von Namen vor Sheikh-Adi mit der Zeit nach ihm in der yezidischen Religion, abgesehen von ein paar ähnlichen Festen und Worten: z.B. "Yazatas" heißt im Zoroastrismus (auch: Zarathustratum) Engel und ist dem Wort "Yezidi" sehr nahe. Es bedeutet: diejenigen, die die Engel anbeten. Meine Absicht hier besteht darin, bestimmte gemeinsame Sitten, Feste und Traditionen darzustellen, die sowohl im Mithraismus, Zoroastrismus und dem Yezidentum existieren.

 

Unter den Gruppen der alten Religionen, die ca. 2000 Jahre v.Chr. nach Kurdistan und Persien kamen, waren die Mithraisten wegen ihrer militärischen Elemente am stärksten. Sie hatten eine kriegerische und sehr männliche (patriarchalische) Religion. Bis zum Christentum gab es kaum eine radikale Veränderung in den alten Religionen. Es gab zwar neue Religionen, wie z.B. den Zoroastrismus, der nach dem Mithraismus kam. Doch es handelt sich hierbei um eine Reformation des Mithraismus durch Zarathustra ca. 550 v. Chr., nicht um eine revolutionäre Aufhebung. Jede neue Religion kam mit neuen Elementen, um die Wünsche ihrer neuen Anhänger und ihrer Gegenwart zu erfüllen. Es gab immer Schlag und Gegenschlag, z.B. auf den Mithraismus als männliche (patriarchalische) Religion folgte der Zoroastrismus als weibliche (matriarchalische) Religion.

 

Das Christentum wirkte gegen den Mithraismus in Rom und das Judentum in Palästina, und schließlich kam der Islam als patriarchalische Religion gegen Christentum und Zoroastrismus.

 

Die Yeziden spielten im diesem Wechselspiel keine große Rolle, da sie nie an die Macht kamen.

 

"Im alten und neuen Awesta [Heilige Schrift im Zoroastrismus] finden sich Völker, die der neuen iranischen Gruppe entgegenstanden und, zumindest dem Hauptnamen ihres Gottes nach zu urteilen, eher Indern als Iranern entsprachen, denn sie wurden verächtlich Anbeter der Daeva [=Dämonen] genannt. Zunächst tauchen sie im Awesta der Gathas als Todfeinde der Zarathustrier auf, dann später als von ihren allmählich verschwindenden Landsleuten zurückgelassenes, geschlagenes Fragment, als eine Klasse von Sklaven. So können wir in die Vergangenheit und nach Norden blickend verstreute Grüppchen tribaler [in Stämmen organisierter] Gemeinschaften unter dem Namen Arier aufspüren, bis wir etwas nahekommen, was sich als die (allen Ariern gemeinsame) Urheimat beschreiben läßt ."

 

Ein Vergleich mit dem Zoroastrismus zeigt, daß die Yeziden sehr stark von ihm beeinflußt wurden. Kein Wunder, galt er doch als offizielle Religion des Staates für mehr als 300 Jahre. Zarathustras Einfluß ähnelt dem des Islams auf die Yeziden, besonders während und nach Sheikh-Adis Ankunft bei den Yeziden.

Die Art und die Weise wie die Yeziden beten hat große Ähnlichkeit mit den Gebetsriten des Zoroastrismus. Am deutlichsten wird das beim Morgengebet mit dem zur Sonne gewandten Gesicht. Die fünf Gebete am Tag stammen auch vom Zoroastrismus und nicht vom Islam, wie behauptet wurde. Für die Yeziden sind zwei der fünf Gebete am wichtigsten, das bei Sonnenaufgang und das bei Sonnenuntergang. Beide Gebete widmeten sich ursprünglich dem Mithra (Sonnengott) und nicht Zarathustra. Die sieben strengen Obligationen, die Zarathustra für seine Anhänger festgelegt hat, waren sieben Feste, die dem Ahura-Mazda gewidmet waren. Diese sieben Feste sind eher als pastoral und bäuerlich zu betrachten denn als militärisch (wie beim Mithraismus) oder wirtschaftlich (wie beim Islam). All diese sieben Feste existieren bei den Yeziden bis heute, aber wegen des Zeitwechsels zu anderen Jahreszeiten als damals (bewegliche Feste):

 

1. Maidhyoi-Zaremaya: Mitte Frühling bei Zarathustra. Bei den Yeziden findet es am Mittwoch, ca.14. April, gleichzeitig mit dem Fest Fravashis statt, das von den Sassaniten und Babyloniern gefeiert wurde. Die Yeziden nennen es "Bêlinde" (Feier der Toten) oder "Cejne Ser Salê".

 

2. Maidhyoi-shema: Mitte Sommer bei Zarathustra. Bei den Yeziden auch Mitte des Sommers, ca. Ende Juli. Dies wird in Lalisch (das yezidische Heiligtum, ca. 60 km nördlich von Ninive im Nordirak) gefeiert.

 

3. Paitshahya: Fest der Ernte bei Z..Bei den Yeziden Ende August. Es wird überall auf dem Lande gefeiert. Bei den Yeziden ist Mahmad Rashan als Heiliger ein Beschützer der Ernte und besonders des Regens, sein Fest wird im Frühling gefeiert.

 

4. Ayathriama: Fest der Herde bei Z.. Bei den Yeziden Ende Frühling. Die Yeziden haben zwei Heilige für die Herde: Memyshivan, heiliger Beschützer der Schafe und Gawanêzersan als heiliger Beschützer der Kühe. Die Feste wurden nach den heiligen Beschützern benannt.

 

5. Maidhyaira: Mitte des Winters bei Z.. Bei den Yeziden Anfang Oktober, dauert sieben Tage. Am Mittwoch, die Yeziden nennen diesen Mittwoch Kabach, wird ein Ochse oder Bulle geopfert. Die Yeziden nennen das gesamte Fest "Cema Sheikh-Adi".

 

6. Hamaspath-maedaya: Fest zum Ende des Frühlings bei Z.. Bei den Yeziden Ende Dezember (Bêlinde). Dasselbe Fest wird auch von Christen in Kurdistan gefeiert und heißt "Bialde".

 

 

In den alten Religionen, besonders im Mithraismus,

spielten Tiere eine große Rolle.

Sie besitzen eine große Bedeutung sowohl in der Weltanschauung als auch in Verbindung mit Sonne und Mond. Die bekannteste mithraistische Ikone ist reichlich mit Tieren bemalt, von denen einige bis auf den heutigen Tag mit denen auf Sheikh-Adis Schrein identisch sind. Sie werden ähnlich wie nach der Interpretation Mithras gefeiert:

 

1. Der Bulle: Mithra tötet den Bullen als Opfer. Die Yeziden bringen jedes Jahr im Herbst einen Bullen als Opfer dar. Die Yeziden opfern das Tier für die Menschheit und die Erzeugung einer harmonischen Welt und, wie ursprünglich, für ein fröhliches neues Jahr. Der Bulle wurde früher symbolisch als Zeichen des Herbstes betrachtet, durch dessen schlachten ein regnerisches, fruchtbares grünes Jahr folgen sollte.

 

2. Die Schlange: In Mithraismus spielt die Schlange eine symbolische Rolle für Kosmos und Tierkreis. Die Schlange ist ein Weg, über den die Sonne und der Mond fahren. Auch die Sonne und der Mond markieren ein Ziel in ihren Fahrten. Deswegen ist der Tierkreis ein Symbol der Zeit. Die Schlange im Mithraismus wurde von vielen Wissenschaftlern als Symbol der Bewegung und Entwicklung bezeichnet. Die Schlange repräsentiert im Mithraismus in ihrer Verbindung mit dem Tierkreis ein Symbol der Zeit und Jahreszeit.

Bei den Yeziden ist die Schlange ein heiliges Tier (besonders die schwarze Schlange) und repräsentiert auch einen Heiligen. Doch Sheikh-Adi hat zu seiner Zeit eine Sonderinterpretation gegeben: Ein Stamm der Sheikh-Kaste (Sheikh-Mend) ist dafür zuständig . Die Sheikh-Mend sind die Naturheiler der Yeziden. Sollte ein Yezide von einer Schlange gebissen worden sein, konnte er nur durch das Gebet eines Mitgliedes aus der Kaste der Sheikh-Mend und dessen Speichel auf die Wunde geheilt werden. Die Ikone der Schlange steht seit ewiger Zeit am Ausgang des Sheikh-Adi Tempels in Lalish.

 

3. Der Skorpion: Im mithraistischen Tierkreis symbolisiert der Skorpion die Sonne. Der Skorpion (Scorpius) geht am 23. Oktober in die Sonne.

Die Yeziden haben einen hierfür zuständigen Pir (Pire Gerwa). Er hat eine ähnliche Rolle wie Scheik-Mend als Naturheiler. Pire Gerwa ist ein heilger Beschützer vor Skorpionen.

 

Im Vergleich mit dem Zoroastrismus kann man feststellen, daß die Yeziden den Bullen, die Schlange und den Skorpion aus dem Tierkreis des Mithraismus übernommen haben und nicht vom Zoroastrismus. Die Schlangen und Skorpione gelten in der Avesta des Zarathustra als schädliche Tiere, die von Ahriman gesandt wurden. Wer sie tötet, vollbringt ein gutes Werk

Insofern sind die Yeziden vom Mithraismus und Zoroastrismus stark beeinflußt, wobei jedoch der Mithraismus überwiegt. Durch die Tatsache, daß die Yeziden immer eine Minderheit waren, gab es keine erwähnte Konfrontation zwischen Yeziden und anderen Religionen vor der Invasion des Islam. Durch das Studium überlieferter yezidischer religiöser Texte steht fest, daß nicht nur die iranischen Lehren Mithras und Zarathustras sie beeinflußten, sondern daß es auch jüdische und christliche Einflüsse auf die yezidische Religion gab. Bis heute gibt es bei den Yeziden viele gemeiname Feierlichkeiten und Sitten mit den Juden und Christen wie z.B. die Beschneidung und das Opferfest der Juden (Geschichte von Abraham und Isaak). Sogar der Stern von König Davids steht bis jetzt auf Sheikh-Adis Tempel, was höchstwahrscheinlich von der Zeit herrührt, als die Juden nach Kurdistan verbannt waren. Das Land Kurdistan wurde zum ersten historischen Exil der Juden. Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus zwang der Assyrerkönig Salmanasser V. (727 - 722 v.Chr.) den damaligen König Hosea Tribut zu zahlen. Weil sich Hosea weigerte, nahm er ihn und ein paar hundert gefangene Juden mit nach Kurdistan ins Exil.

 

Das christliche Ostern und sogar Marias und Jesus Namen werden ausdrücklich in den yezidischen religiösen Texten erwähnt. Dort spielen sie die Rolle von verehrungswürdigen Heiligen. Umgekehrt übernahmen die Christen für ihr Osterfest yezidische Bräuche wie das Eierfärben, das Feuer und das Schmücken von Hauseingängen mit Blumen. Würde man nur die vorhandenen yezidischen Texte als Basis für ihre Religion nehmen, ergäbe sich daraus, daß diese Religion sehr neu ist, weil viele islamische Begriffe erwähnt werden, z.B. die wichtigen Persönlichkeiten Mohammad, Ali, Hassan, Abubakir, Omer etc. Sie werden als Heilige bezeichnet. Aber hiermit liegt gleichzeitig ein Beweis vor, daß die Yeziden sehr klar vom Islam geprägt wurden. Nach vorhandenen yezidischen Überlieferungen gibt es einige Namen bekannter Dichter, die sich während der Zeit Sheikh-Adis mit der yezidischen Religion auseinandersetzten . Die meisten Texte wurden nach ihren Namen bennant:

 

1. Hasede Al-Tawri: "Über die Ratschläge zur moralischen Lebensführung für jeden Yeziden"

 

2. Pise Cemî: "Sheikh-Adi und die Heiligen"

 

3. Pir Dawood: "Der Kampf des Imaad Al-Deen gegen Sheikh-Adi und seine Anhänger"

 

4. Sheikh-Fakhre Adia: a) "Lob über Sheikh-Hassan" , b) "Sheqe Serî"

 

5. Pir Sheref: "Qawlê Baza" über Sheikh-Adi.

 

6. Pir Khidir: "Qawlê Darwêshî Adam"

 

Aber die überwiegende Mehrheit der jetzigen Feste, Sitten, Traditionen und mündlichen religiösen Überlieferungen stammen aus der Zeit nach dem Islam. Ihre Macht in Kurdistan gedieh nach Sheikh-Adis Ankunft bei den Yeziden.

 

Die vorhandenen Ähnlichkeiten zwischen Yeziden und dem Mithraskult (vor Zarathustra) können nur so erklärt werden: Beide Religionen stammen aus einer gleichen oder sehr ähnlichen Quelle, nach Ansicht von Religionswissenschaftlern, indogermanischen Ursprungs. Zarathustra hat großen Einfluß auf die Yeziden, aber diese unterscheiden sich in vielen markanten Elementen von ihm, wie z.B. bei der Beerdigung der Toten, der Zukunft der Seele und – am wichtigsten - hinsichtlich ihrer drastisch unterschiedlichen Auffassungen von Wiedergeburt. Das Leben bei Zarathustra fängt an einem Punkt an und geht horizontal weiter. Aber bei den Yeziden ist es wegen ihres Glaubens an die Wiedergeburt kreisförmig. Es könnte sein, daß viele Elemente des yezidischen Glaubens kolossal durch den Islam und später durch Sheikh-Adi geändert worden sind. Doch es fehlt immer ein Glied in der Kette: Nämlich, wie die Yeziden vor dem Islam hießen, ist uns nicht bekannt. Hier gibt es keine Überlieferungen.

 

Ein näherer Vergleich beweist, daß die Yeziden keine Zarathustra-Anhänger waren, wie von vielen Politikern in Kurdistan aus politischen Gründen behauptet wurde. Trotz ihrer Macht und Stärke war Zarathustras Religion nicht von allen Bewohnern des Irans und Kurdistans als ihre Religion übernommen und praktiziert worden. Einige mündliche Überlieferungen der yezidischen Religion beweisen die oben genannte These. Von vielen Wissenschaftlern wurde die Tatsache bewiesen, daß "Ahura-Mazda" bzw. "Asha", d.h. "Wahrheit", der Name der Gottheit der Arier und vor Zarathustra und seiner Avesta bekannt war.

 

Nachdem Zarathustras Religion Staatsreligion wurde, traten viele Kurden (Arier und Meder) zu dieser neuen Religion über. Aber die überwiegende Mehrheit blieb bei ihrem alten Glauben, mit dem "Himmel-Gott" im Mittelpunkt ihrer religösen Vorstellung. Dieser Himmel-Gott war nicht nur der Tages-Gott, sondern auch der der Nacht.

 

Gerade dieser Aspekt hat viel Ähnlichkeit mit dem yezidischen Ta´usi-Melek, der die gleichen Aufgaben wie der "Himmel-Gott" oder Ahura-Mazda hatte. In vielen anderen Aufgaben und Werken ist Ta´usi-Melek Mithra selbst. In diesem Zusammenhang haben einige Wissenschaftler die Spuren zwischen Mithraismus und Yeziden auf rein theologischer (religiöser) Ebene verlolgt.

 

In vielen Aspekten ist Zarathustras Ahura-Mazda, der in der Avesta beschrieben wurde, vergleichbar mit Ta´usi-Melek. Ahura-Mazda wird häufig als der Schöpfer aller Gegenstände bezeichnet. Seine Taten geschehen sowohl in der Dunkelheit als auch in der Helligkeit des Lichtes. Er kennt alle Menschengeheimnisse, die Sünden und zukünftige Taten. Er hat absolute Souveränität. In den yezidischen mündlichen Überlieferungen und anderen religiösen Texten wird Ta´usi-Melek ähnlich wie Ahura-Mazda und dessen Macht beschrieben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es vor Zarathustras Zeit Anbeter von Ta´usi-Melek unter den Ariern gab. Aber sicherlich hatten sie andere Namen und hießen auch nicht Yeziden wie jetzt. Es liegt nahe, daß Ta´usi-Melek selbst der "Himmel-Gott" war, aus dem Zarathustras einen Ahura-Mazda schuf. Viele Wissenschaftler deuteten dies ähnlich, ohne Ta´usi-Melek mit Namen zu nennen:

 

"l think it likely that Zarathustra intentionally took up Aryan mythus ... Zarathustra took out of the popular religion the animistic idea possessed by every creation of Ahura, and drew from it what suited him.

 

Bei näherer Betrachtung der Religion Zarathustras im Vergleich zu den vorhergehenden indogermanischen Religionen stellt man fest, daß Zarathustra die Rolle seiner Eltern umkehrte, besonders die Rolle des Daevas. Mit anderen Worten: Ahura-Mazda und Ahriman existierten als zwei Götter vor Zarathustra. Die Anhänger der Daevas waren entweder genauso zahlreich oder mehr als die der Ahura-Mazda. Wie bereits erwähnt, schuf Zarathustra aus beiden Mächten einen eigenen Gott "Ahura-Mazda". In diesem Zusammenhang geht James Moulton der Geschichte weiter nach:

 

"There is a clear remembrance that the Daeva were once divine spirits, whose deliberate choice transferred them... One passage in Yasna 32 may be specially recalled, to show how fresh and keen was the feeling that connected the Daevas with their nomadic worshippers, true ancestors of the savage Kurds of today. Zarathustra fiercely attacked them as "Seed ot Bad Thought", of the Lie and of Arrogance", and their followers are as bad."

 

In Yasna 32 gibt es einige Hinweise auf die Daevas-Anbeter: Ein klarer Hinweis auf das, was bis jetzt bei den Yeziden existiert und praktiziert wird, nämlich die Opferung von Ochsen, Bullen oder Kälbern, und [was] seinen Ursprung im Mithraismus hat:

 

"In these Sins, we know, Yima was involved, Vivahvant’s son, who desiring to satisty men gave our people flesh of the Ox to eat... Mazdah utters evil against them, who destroy the life of the Ox with shouts of joy, by whom Grehma and his tribe are preferred to the Right, and the Karapan and the lordship of them that seek after the Lie." (Karapan: eine Religionslehre des Daevaskultes)

 

Es wird deutlich, daß die Personen mit den oben erwähnten Namen Anhänger des Daevaskultes waren. Da Zarathustras Lehre gegen die Tötung der Tiere war, hatten sie dagegen gesprochen. Es war Zarathustras Aufgabe, die Rolle des Daevas zu ändern und insbesondere die traditionellen Götter zu den unteren Schichten herabzusetzen.

 

Es ist bekannt, daß der Mithraismus eine dualistische Religion für Zarathustra war, mit einer guten und einer bösen Seite. Seine böse Seite, die kriegerisch und männlich war und dem Daevaskult anhing, wurde von Zarathustra abgelehnt. Aber als Himmel-Gott wurde Mithra gepriesen und akzeptiert. Trotzdem erkannte er den Mithraismus nicht als Gottheit und selbständige Religion an. Da aber der Glaube an Mithra in den kurdischen Sitten und Traditionen fest wurzelte, waren die Priester späterhin genötigt, seine Verehrung zuzulassen.

 

In Yasna 32 sprach Zarathustra noch einmal gegen Daevas Rolle als Menschenverführer. Zarathustras Beschreibung des Daevas und dessen Rolle ist vergleichbar mit Adams Geschichte in der Bibel und dem Koran, als Adam von der Schlange (das Böse) empfohlen wurde, den von Gott verbotenen Apfel zu essen.

 

Die Yeziden hingegen behaupten, daß alles von Gott geplant war und sein Vertreter Ta´usi-Melek diesen Gottesplan erfüllen sollte.

 

Dieselbe Rolle hatte auch Mithra, als er das Fleisch vom Kalb (Bulle bzw. Ochse) an seine Anhänger verteilte, um sie unsterblich zu machen. Diese Tradition des Kalbschlachtens wurde von den Yeziden übernommen und wird bis jetzt bei ihnen auf dem Herbstfest "Gemaiy" in Lalish praktiziert. Aber das Opfern von Ochse oder Kalb war eine uralte religiöse Sitte der Arier bzw. der Sonnenanbeter. Doch unter Sheikh-Adis Einfluß veränderte sich seine Bedeutung. Das gemeinsame Essen und dessen Opfer-Charakter hatten Ähnlichkeit mit der Bedeutung des Mahles und des Opfercharakters bei den Christen.

 

Ein noch vor Zarathustra existierendes Religionsfest, das unter den Medern bzw. Ariern bis heute nur von Yeziden praktiziert wird, ist die "Fravashis" (der geistige Doppelgänger). Dieses Fest wurde ursprünglich in den letzten fünf Tagen des Jahres (im März) nach dem östlichen Kalender gefeiert. Es steht repräsentativ für die fünf Seelen jedes Menschen. Fravashis war eine von den fünf Seelen, aber eine der höchsten, göttlichsten und Teil des Mannes. James H. Moulton erwähnt dieses Fest und zitiert die genaue Zeremonie von einem Historiker "Albîrunî":

 

"The last five days of this month (Aban), the first of which is Ashtadh, are called Farwadajan. During this time people put food in the halls of the dead and drink on the roof of the houses, believing that the spirits of their dead during these days come out from the places of their reward or their punishment, that they go to the dishes laid out for them... They fumigate their houses with juniper, that the dead may enjoy its smell. The spirits of the pious men dwell among their families, children and relations and occupy themselves with their affairs, although invisible to them."

 

Dieses uralte Fest ist von vielen Wissenschaftlern bestätigt worden als eines, das vor Zarathustras Zeit liegt. Die Yeziden praktizieren bis jetzt dieses Fest im Frühling, Anfang April (Bêlinde Ser Salê). Es wird immer noch auf gleiche Art und Weise gefeiert: Jede Familie bringt auf die Friedhofsgräber der Dörfer das Essen zu ihren verstorbenen Angehörigen. Dabei werden Volkslieder und religiöse Texte gesungen.

 

Man erinnert sich bei der Zeremonie an die guten Taten der Toten: Durch diese Handlungsweise werden die Toten in das Leben einbezogen. Die Leute bleiben bis zum späten Nachmittag und kehren dann nach Hause zurück. Zu Hause wird weiter an die Verstorbenen erinnert und ihre Ration an Essen und Trinken an die Nachbarn und arme Familien verteilt. Die Eingänge der Häuser werden mit Frühlingsblumen geschmückt. Alle Feierlichkeiten dauern drei Tage, das Fest heißt "Ser Sal" oder "Bêlende", Tag der Toten.

 

Die oben erwähnten Festrituale gehören zu den uralten Elementen der Naturreligionen der Welt. Die Indios in Südamerika (Mexiko) feiern ein ähnliches Fest auf etwa dieselbe Art und Weise.

 

Die gemeinsame Idee aller besteht darin, daß die Toten genauso wie die Lebenden zum Leben gehören, Tod und Leben eine Einheit bilden. Es wurde behauptet, daß dieses Fest (Fravashis) auch von den Sassaniten zelebriert wurde.

 

Das Feuer ist ein anderes Element der yezidischen Religion. In Lalish wird es an jedem Mittwoch überall entzündet. Die Yeziden glauben, daß Gott an einem Mittwoch Ta´usi-Melek erschaffen hat, und deswegen ist der Mittwoch ein heiliger Tag. Das Feuer wird auch in jedem religiösen Familienhaus (Sheikh oder Pîr) am Mittwoch angemacht. Das Feuerritual als heiliges ist älter als Ahura-Mazdas Feuer, aber man stimmt überein, daß das Feuerritual vor Zarathustra in den Iran und nach Kurdistan kam. Es repräsentiert das Himmelsauge oder das Gotteslicht bzw. Mithras Sonne als Gegensatz zur Dunkelheit.

 

Die Doktrin von Gut und Böse bei den Yeziden ist ganz anders als in der Lehre von Zarathustra: Ahura-Mazda und Ahriman sind zwei Gegensätze, die bezüglich ihrer Dualität sehr viel Ähnlichkeit mit den chinesischen Yang und Yin oder bei den Indios mit Tlaloc und Quetzalcoatl haben. Alle haben mit einem Prinzip zu tun, nämlich, daß die Welt aus zwei mächtigen Elementen besteht, die tief in der Natur ihre Wurzel haben.

 

Die Yeziden glauben, daß sowohl gute als auch böse Mächte von einem Gott kommen und der Mensch seinen Verstand benutzen muß, um das Richtige zu wählen.

 

So ist das Leben eines jeden Yeziden auf dieser Welt eine Probezeit, vergleichbar mit der des Ta´usi-Melek selbst, der von Gott belohnt wurde, weil er sich, als der Befehl kam, für Adam zu beten, an sein Wort erinnerte, nicht für jemand anderen zu beten als für seinen Gott, der ihn von seinem Licht geschaffen hat. Die anderen Engel beteten, nur Ta´usi-Melek tat es nicht. Und deswegen ist Ta´usi-Melek Gottes Vertreter auf Erden, wie die Yeziden behaupten.

 

Bei Krankheiten im Leben eines Yeziden handelt es sich nach seiner Weltanschauung um ein gestörtes Verhältnis seiner Gottesbeziehung (Gott - Taten - Seele). Bis heute glauben die traditionellen Yeziden, daß Krankheit eine Folge von Sünde ist. Im Falle einer Erkrankung gehen sie zu einem Wahrsager, "Kocek". Sie erzählen ihm von ihren Leiden. Nach einer Bedenkzeit von einigen Stunden oder einer Nacht, in der der Wahrsager den Leidenden in seine Träume einbezieht, kann er ihm sagen, bei welchem Heiligen in Lalish er (oder sie) Heilung durch das Auftragen geheiligter Erde findet. Einige der Heiligen sind:

 

1) Sheikh-Mus und Sheikh-Hassan bei Lungen- und Rheumaerkrankungen,

 

2) Gabriel (Izraiel) bei Seelenerkrankungen,

 

3) Baba-Deen und Ama-Deen bei Bauchschmerzen,

 

4) Hagial bei neurotischen Erkrankungen,

 

5) Sherf-Al Deen bei Hauterkrankungen

 

Da die Yeziden, wie bereits erwähnt, vor der Zeit Sheikh-Adis und Zarathustras im Zusammenhang mit dem Mithraskult die Sonne als höchsten Gott anbeteten, war für sie ein Vergehen gegen die Sonne die Ursache für eine Krankheit. Herodot erwähnt, daß ein persischer Bürger bei Lepraerkrankung nicht die Stadt betreten oder Kontakt mit den anderen persischen Bürgern haben durfte. Sie behaupteten, daß ein Mensch leprös geworden sei, weil er gegen die Sonne gesündigt habe.

 

Je mehr Nachforschungen man über die yezidische Religion anstellt, desto mehr Fragen und Rätsel kommen ans Licht. Lange wird es dauern, bis man das noch Verborgene dieser Religion entdeckt haben wird. Doch jede neue Untersuchung über die yezidische Religion vor Sheikh-Adi hat bisher die Tatsache bestätigt, daß die yezidische Religion eine uralte Religion der Indogermanen ist. Gleichzeitig widerlegen diese Untersuchungen die Behauptung einiger Leute, daß die Yeziden von Yezid Ibin-Maawiya, dem islamischen Kalifen, abstammen. Diese Behauptung geschieht nur aus bestimmten politischen Interessen.

 

Mein Versuch besteht darin, die Fäden zwischen der historischen Seite der yezidischen Religion mit denen der religionswissenschaftlichen Seite zu verbinden. Das Thema bleibt offen für weitere Fragen und Antworten. Jeder neue Versuch erweitert unseren Horizont.

 

Umfangreiche Anmerkungen und Quellenhinweise sind in der Dengê Êzîdiyan 6+7/97 nachzuschlagen.


 

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