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Armenien: Kampf um Êzîdische Identität


© Andrei Liankevich

Armenien: Kampf um Êzîdische Identität

 

Neue Schulbücher führen zu Zwistigkeit in der êzîdischen Gemeinschaft Armeniens

von Onnik Krikorian in Jerewan

Deutsche Übersetzung: Karl G. Mund aus Diepholz

 

Êzîden in der Aragatson im Westen Armeniens sehen mit Besorgnis, wie die Regierung mit Unterstützung durch die UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF das Erziehungswesen im Staate verstärken will.

 

Anfang September erklärten Regierungsbeamte bei einer Veranstaltung in dem êzîdischen Dorf Alagyaz, dass in den Schulen der Dörfer mit Minderheitsbevölkerung neue Schulbücher ausgeteilt würden, wozu UNICEF versprach Hefte und anderes Unterrichtsmaterial beizusteuern.

 

Knapp einen Monat später beschwerten sich Êzîden in Alagyaz und 10 Dörfern der Umgebung. Ihre Sprache ist der kurdische Kurmanji-Dialekt, aber die von der Regierung ausgegebenen Bücher waren stattdessen in Ezdiki geschrieben. Obwohl auch das Kurdisch ist, lediglich mit anderer Bezeichnung, wurde für die Publikation das für die Menschen dort ungewohnte Kyrillische Alfabeth ausgewählt statt der ihnen geläufigeren lateinischen oder arabischen Schrift.

 

"Alle Schulen haben zur Zeit noch Schulbücher aus der Sowjetzeit", sagte Gohar Saroava, ein junger Journalist von der Zeitung Mesopotamia, einer der wenigen in Armenien verbliebenen muslimischen Kurden. Andere sagten es jedoch deutlicher. "Diese (neuen) Bücher sind eine Schande, und wir wollen den Schrott nicht haben", sagte Torkom Khudoyan, Vizepräsident des êzîdischen Nationalkommittees von Armenien.

 

Im Gespräch mit IWPR (Institute for War and Peace Reporting - einer internationalen Journalistenvereinigung, die vor allem über Kriegs- und Bürgerkriegs- sowie über Unterdrückungssituationen gegenüber nationalen MInderheiten berichtet) bestätigten sowohl Vertreter von UNICEF wie auch Hranush Kharatyan, Leiter der Abteilung für religiöse und Angelegenheiten der nationalen Minderheiten, dass die neuen Schulbücher nicht akzeptiert würden, sie hätten jedoch nicht die Kompetenz, da etwas zu machen. Kritiker verweisen dagegen darauf, dass diese Situation nie hätte eintreten dürfen und behaupten dass damit weiterhin versucht wird den armenischen Êzîden eine nicht-kurdische Identität zu propagieren.

 

Êzîden sind die größte ethnische Minderheit in Armenien, die zum überwiegenden Teil Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ins Land gekommen waren. Obwohl gemeinhin als Teufelsanbetung diffamiert, enthält die êzîdische Religion Elemente aus Zoroastrismus, Islam, Christentum und Judentum. Obwohl die Êziden allgemein als Kurden betrachtet werden, die der Zwangsbekehrung zum Islan widerstanden, gab es seit Ende der Sowjetregierung Versuche sie als eignen ethnische Gruppe in Armenien zu identifizieren.

 

1988 appellierten einige Fürher der Êzîden an die Sowjetbehörden, sie als ethnische Gruppe anzuerkennen. Dies kam zeitgleich mit dem Ausbruch des armenisch-azerbeijanischen Konflikts um Nagorny Karabach, in dessen Folge Tausende muslimischer Kurden zusammen mit Azerbeijanern aus Armenien flohen. Êzîden waren davon nicht betroffen.

 

1989 wurde jener Forderung stattgegeben, wurden im Rahmen der letzten sowjetischen Volkszählung von ungefähr 60.000 Kurden, die bisher als in Armenien lebend geführt wurden, 52.700 erstmals mit einer neuen offizielle Identität versehen als Êzîden. Die Volkszählung von 2001 bezifferte die Zahl der Êzîden und Kurden in der Republik mit 26.620 bzw. 1.519.

 

Hasan Tamoyan, Herausgeber der armenischsprachigen Zeitung Yezidichana und Chef des êzîdischen Programms im armenischen Staatsrundfunk zitiert eifrig die Ergebnisse der letzten Volkszählung als Beweis, dass Êzîden keine Kurden seien. Tamoyan ist auch einer der Autoren der widersprüchlichen Schulbücher.

 

"40.000 Menschen identifizieren sich als Êzîden und nur 1.500 als Kurden", sagte Tamoyan. "Wollen Sie nicht den offiziellen Zahlen Glauben schenken? Die kurdische Sprache findet nicht einmal Erwähnung. Es gibt nur die êzîdische Sprache Ezdiki."

 

Dem stimmen allerdings nur wenige Experten für êzîdische Angelegenheiten außerhalb Armeniens zu.

 

"Die religiöse und kulturelle Tradition der Êzîden ist tief verwurzelt in der kurdischen Kultur und fast alle heiligen Texte der Êzîden sind in Kurdisch abgefasst", sagte Philip Kreyenbroek, Direktor des Instituts für Iranistik an der deutschen Universität Göttingen, ein führender Spezialist für die Erforschung der Kurden und der Êzîden in der Türkei und Nordirak.

 

Dr. Christine Allison, Dozentin am Nationalen Institut für orientalische Sprachen und Kultur INALCO in Paris und zur Zeit beschäftigt mit Feldstudien unter Êzîden in Armenien, stimmt dem zu. "Ich traf mehr Êzîden in Armenien, die glauben Kurden zu sein", sagte sie, "und mit Ausnahme zweier Dörfer im Irak sprechen Êzîden Kurmanji-Kurdisch. Ihre mündliche und materielle Kultur ist typisch für Kurdistan und weitgehend identisch mit der von nicht-êzîdischen Kurden."

 

Nahro Zagros, ein ethnisch-kurdischer Doktorand aus Irak, studiert die Volksmusik-Tradition der Êzîden an der Universität in York und stimmt ebenfalls zu.Zagros sagt, er wäre über die nach Meinung vieler künstliche Teilung während seines letzten Besuchs in Armenien regelrecht gestolpert. "Die Schule in Shinkani hat diese Schulbücher zurückgewiesen, ebenso Lehrer as Rya Taz, Alagyaz, Dirik, Orta Chia, Amri Taze und Jamushlow", sagte er.

 

Die Situation in Armenen unterscheidet sich auch deutlich von der im benachbarten Georgien, wo laut offizieller Statistik 18.000 Êzîden leben.

 

"Es gibt Probleme in Georgien, aber wir (Kurden) sind ein Volk", sagte Pir Dima, ein religiöser Führer der Êzîden aus Tiflis bei einem Besuch in Armenien im September. "Nur unsere Religionen sind unterschiedlich. Aber das Problem in Georgien ist nicht annähernd so schlimm wie in Armenien. Die Êzîden hier (in Armenien) möchten nicht für die Armenier als Kurden kenntlich sein, weil muslimische Kurden (während des Genozids 1915) Armenier wie Êzîden töteten."

 

Rostom Atashov, Vorsitzender der êzîdischen Vereinigung Georgiens erzählte IWPR, dass seine Gemeinschaft Kurmanji benutzt und auch lateinische Schrift. "Wir sind sowohl Êzîden wie Kurden", sagte er. "Wir haben eine Sprache, und die ist kurdisch, und wenn sie sich anschauen, von wo die Êzîden gekommen sind, so ist das geografisch betrachtet Kurdistan. In Georgien haben wir über dieses Problem gar nicht erst geredet. Êzîden sind Kurden, das glauben wir alle."

 

Atashow sagt auch, er glaube dass die Aufteilung die armenische êzîdische Gemeinschaft für die Propaganda von Organisationen wie der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK geöffnet hat, die zu Zeit in der Türkei einen Guerillakrieg führt. "Die armenische Regierung möchte die Êzîden nicht als Kurden anerkennen, darum ist die PKK die einzige Gruppe, die bereit ist den Êzîden in Armenien bei der Gestaltung ihrer Identität zu helfen", sagte er.

 

Und das scheint der Fall zu sein in mindestens sechs Dörfern in den armenischen Regionen Aragatsotn und Armavir, die IWPR in diesem Herbst besuchte. Während viele sich öffentlich als Êzîden identifizierten, sagten alle auch, dass sie alle Kurmanji sprechende Kurden seien. Dazu äußerten sie Unterstützung für die PKK und zeigten Porträts von Abdullah Öcalan, den eingekerkerten Führer der Organisation, in ihren Wohnungen, Kulturzentren und Schulen.

 

In den letzten Jahren reisten auch einige PKK-Repräsentanten offen durch êzîdische Dörfer in Armenien. Im letzten Jahr wurde Yusuf Avdoyan, ein Êzîde aus der armenischen Region Armavir zusammen mit 6 weiteren PKK-Kämpfern in der türkischen Provinz Batman getötet. Laut Auskunft des Kurdistan-Kommittes in Armavir hat seine Schwester sich jetzt der PKK angeschlossen und kämpft an ihrer Seite.

 

Einige Experten glauben die Regierung habe sich die Êzîden mit ihrer Schulpolitik entfremdet. Ein Akademiker aus Europa sagte anonym zu IWPR: Der Staat scheint ausdrücklich die Ezdiki-Fraktion zu unterstützen und begreift nicht die Tatsache, dass Kurmanji und Ezdiki, die während der Sowjetzeit als eine Sprache galten, immer noch die gleiche Sprache sind. Die naheliegendste und kosteneffektivste Kompromisslösung wäre, die Ezdiki-kurdischen Schulbücher in einer von allen akzeptierten Schrift herzustellen.

 

Kharatyan sagt, dass sie eine solche Lösung schon vorgeschlagen habe, um den Konflikt über die Sprache beizulegen, wäre aber von beiden Lagern der êzîdischen Gemeinschaft bedroht worden. Die Regierung erklärte indes, sie würde die Verteilung der umstrittenen Schulbücher überwaschen, aber das Kurdistan-Kommitte druckt nun seine eigenen Schulbücher in lateinischer Schrift zur Verteilung an êzîdischen Schulen in der zweiten Novemberhälfte.

 

Knyaz Hassanov, Vorsitzender der kurdischen Gemeinschaft in Armenien erzählte IWPR: "Diese Bücher gehen uns nicht an. Sie sind nich wichtig, und wir haben entschieden unsere eigenen zu drucken. Die überwätligende Mehrheit (der armenischen Êzîden) versteht sich als Kurden; wenn also 1-2.000 sich anders definieren, so hat das für uns keine Bedeutung. Es ist ja nebenbei ihr Recht, das zu tun.

 

Onnik Krikorian ist ein in Großbritannien geborener Journalist und Fotoreporter, der seit 1998 über Êzîden in Armenien schreibt. Sein Blog aus Armenien ist oneworld.blogsome.com



 

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