Titel: Bräuche und Traditionen bei den Yeziden




Dr. Sebastian Maisel

Khidir S. Khalil (Pir Xidir Sileman)

 

Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Arabischen von Sebastian Maisel.

 

Auszug aus: Unser Dorf – Yezidische Bräuche und Traditionen von Khidir S. Khalil (Pir Xidir Sileman). Dies ist eine Zusammenfasung der Bräuche und Zeremonien aus dem Gebiet von Sheikhan. Es gibt kleine Unterschiede bei den Yeziden in anderen Siedlungsgebieten.

 

Die Beschneidungszeremonien, die wie bei den Juden ausschließlich für das männliche Geschlecht vollzogen werden, gehören zu den gesellschaftlichen Bräuchen und Traditionen, von denen es viele im Yezidentum gibt.

 

Hervorzuheben sind einige wichtige Grundregeln, die bei den Beschneidugnsfeierlichkeiten berücksichtigt werden. Folgende Stufen werden dabei unterschieden:

 

  1. Das Aussuchen des Paten sowie die daraus resultierenden Bedingungen und Beziehungen
  2. Die Festvorbereitung
  3. Die Zeremonien während der Festtage
  4. Die Rolle der Dorfbewohner
  5. Die Pflichten der Familien des Paten und des zu Beschneidenden

 

Das Aussuchen des Paten

Es ist allgemein bekannt, dass sich die Yeziden in drei religiöse Klassen teilen. Dies geht, so sagt man, auf die Zeit von Sheikh Adi zurück. Die drei Klassen sind die Sheikhs, die Pire und die Muriden, wobei die Klasse der Pire älter ist als die der Sheikhs. Diese stammt aus der Ära Sheikh Adis. Wenn jemand seinen Sohn beschneiden lassen will, so muß er nach Absprache mit der Familie einen Paten außerhalb seiner Klasse wählen.

So vereinigen sich die Bande der Liebe, des Beistandes und der gegenseitigen Zusammenarbeit zwischen den Verwandten der beiden Personen im allgemeinen und zwischen den beiden Familien im besonderen.

Dabei kann man eine merkwürdige Regel feststellen: Wenn der Pate und der Beschnittene zu demselben Familienverband gehören, was vermieden werden soll, so ist die Heirat zwischen Verwandten beider Familien nicht erlaubt, sondern bis in die siebente Generation verboten. Danach darf man wieder heiraten.

Daher ist es auch natürlich, dass der Pate aus einer anderen Klasse ausgewählt wird als aus der des Beschnittenen, weil die Heirat sonst oft nicht möglich wäre.

Wichtig ist auch ein weiterer Hinweis zur Auswahl des Paten: Er kann Yezide oder Muslim sein, je nach Wunsch der  Familie des Beschnittenen. Es ist durchaus üblich, die Beschneidung yezidischer Kinder auf dem Schoß von muslimischen Paten durchführen zu lassen -  und umgekehrt.

Die Festvorbereitung

Nach den praktischen Vorbereitungen und der Auswahl des Paten wird der Feiertag festgelegt. Dann kann sich die Familie um das Kaufen von Geschenken wie Kleidung und Schuhe kümmern. Diese werden dann an alle Familien des Dorfes sowie die Bekannten und Verwandten innerhalb und außerhalb des Dorfes verteilt. Dies geschieht in den Tagen vor Beginn des Festes. So erfahren die Leute den Termin des Festes und können sich rechtzeitig vorbereiten.

Die Zeremonien während der Festtage

Einen Tag vor Beginn des Festes kommen die Verwandten und die Dorfbewohner zum Haus des Beschnittenen. Die Jungen und Mädchen des Dorfes beginnen, Lieder und Tänze aufzuführen, wobei sie von einigen alten Männern unterstützt werden, die  sich freuen, so an ihre Jugendzeit erinnert zu werden. Meistens bleibt man bis in die Nacht, dann kehren alle in ihre Häuser zurück. Am nächsten Morgen steht man früh auf, um die beste Kleidung auzulegen und sich auf das Ereignis vorzubereiten.

Der Empfang des Paten und die Einladung zur Feier

Wenn der Pate nicht aus dem Dorf stammt, so kommen er und einige Verwandten am Vorabend der Feier in das Dorf. Hier erwartet ihn schon die Familie des Beschneidungs-Aspiranten. Bei ihrer Ankunft am Dorfrand feuern sie ihre Gewehre ab als Zeichen ihres Kommens. Als Antwort darauf feuern dann auch die Dorfbewohner und besonders die Familienangehörigen. Dann ziehen sie aus, um einander zu treffen und zu begrüßen. Dabei singt einer der örtlichen Sänger seine schönsten Lieder , während alle am Haus des Gastgebers ankommen, um die Nacht dort zu verbringen (s.o.)

Wenn der Pate jedoch aus dem gleichen Dorf oder der gleichen Stadt stammt, so kommt er am Abend vor der Feier selbst zum Haus der Familie, um mit ihnen gemeinsam zu feiern. Anschließend geht er nach Hause, um sich für die Zeremonien am nächsten Tag vorzubereiten. Wenn die Sonne aufgeht, beginnen die Gesänge und Tänze. Überall sieht man nur leuchtende und fröhliche Gesichter.

Einige Männer des Dorfes sowie die Familie des Kindes und natürlich der Sänger stehen dabei an der Spitze. Sie alle ziehen zum Haus des Paten, um ihn einzuladen. Zuvor führen die Jugendlichen aber noch einige Tänze in dessen Haus auf. Anschließend kehren sie und der Pate zum Festhaus zurück, um die Beschneidung durchführen zu lassen. Zur gleichen Zeit kommt der Arzt des Gebietes in das Dorf und bringt Medikamente und seine Geräte mit. Meist hat er sie selbst aus Holz gefertigt.

Die Beschneidung und die anschließenden Zeremonien

Nachdem sich die Dorfbevölkerung im Haus des Gastgebers versammelt hat, beginnt die Operation. Dabei sind der Arzt, der Pate, das zu beschneidende Kind, der Vater bzw. der Vormund und die Mutter sowie einige Helfer anwesend. Das Kind wird in den Schoß des Paten gelegt, und der Arzt führt die Operation durch. Dabei ist es notwendig, dass einige Bluttropfen auf das Gewand des Paten fließen. Nach der Operation wäscht die Mutter das restliche Blut vom Gewand des Paten, der daraufhin der Mutter einen Geldbetrag gibt, um die Blutschuld zu bezahlen. Dies ist aber nicht unbedingt vorgeschrieben. Nach dem Vollzug der Beschneidung werden wieder die Gewehre abgefeuert und Süßigkeiten unter den Kindern verteilt. Die Jugendlichen beginnen mit dem bekannten Volkstanz. Die Männer warten derweil im Wohnzimmer auf  den Arzt, der den Teller mit dem Beschneidungsmesser hereinbringt. Der Pate gibt ihm daraufhin ein Geldgeschenk für die Beschneidung. Anschließend geht der Arzt an der Reihe der Männer entlang, und alle legen freigebig etwas auf seinen Teller. Dies ist seine Bezahlung. Außerdem erhält er eine Gabe von der Familie des Beschnittenen. Nun folgt ein großes Essen. Eine Gruppe von Bekannten der Familie zieht durch das Dorf, um die Männer dafür einzuladen. Die Festlichkeiten gehen weiter. Es wird meist mehrere Tage getanzt.

Die Rolle der Dorfbewohner und der Familienangehörigen

Die Familie des Beschnittenen soll großzügig sein beim Kaufen von Geschenken, um sie unter den Dorfbewohnern und Bekannten zu verteilen. Sie soll ein Festessen veranstalten und alle Männer des Dorfes dazu einladen. Die Zeremonien sind erst beendet, wenn die Männer einzeln oder in Gruppen die Familie besucht haben und ihnen mit Geschenken und Schlachtopfern zu diesem glücklichen Anlass gratuliert haben. Die Familie dankt ihnen dafür. Die Frauen hingegen bringen ein Gericht, um damit im Haus des Beschnittenen zu gratulieren.

Nach der Beschneidung

Die Zeremonien nach der Beschneidung, besonders zwischen den Familien des Paten und des Beschnittenen

Nachdem einige Tage vergangen sind, geht eine der beiden Familien daran, verschiedene Speisen zu kaufen, um die andere Familie zu besuchen. Dies geschieht, um die Wertschätzung des segensreichen Schrittes deutlich zu machen, den beide Familien unternommen haben. Sie bleiben ein oder zwei Tage bei ihnen, hoch geachtet und geehrt. Dann kehren sie zurück. Später unternimmt die andere Familie den gleichen Schritt und besucht die erste Familie als Ausdruck des Dankes und der Wertschätzung.

Dieser überlieferte Brauch, an welchen die yezidische Gemeinschaft festhält, hat großen Einfluß auf die Gesellschaft. Er bringt gegenseitig Anteilnahme und engere Verbindun            tgen zwischen den Dorffamilien, aber auch zu Dorffremden mit sich. Weiterhin dient er der Erweiterung der Beziehungen untereinander. So lässt die eine Familie die Beschneidung ihres Sohnes im Schoße einer anderen Familie durchführen, die sie nicht kennt und zu der sie keine Verbindung hat. Dies geschieht im Wunsch nach gegenseitiger Annäherung. Beide Familien werden sich zukünftig achten, lieben und unterstützen.

Nach der arabischen Vorlage übersetzt von Sebastian Maisel

Kurzbiografie und Kontakt

Sebastian Maisel

Magister in Arabik, Islamwissenschaften und Ethnologie, z.Zt. Lektor für arabische Sprache an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

E-Mail: wasesha@hotmail.com



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