Auch nach zwei Jahren ist der Völkermord an den Jesiden nicht gestoppt.

Am 3. August ist es genau zwei Jahre her: Im Shingal-Gebiet begann der Völkermord, den der Islamische Staat (IS) an den Jesiden beging – den ersten Genozid im dritten Jahrtausend. Der Völkermord ist nicht gestoppt – er geht weiter.

Das Ziel des IS war und ist die Vernichtung von „Ungläubigen“, und dazu zählen Christen und andere religiöse Minderheiten sowie im besonderen Maße die Jesiden. Die Schlächter des IS sind besessen von der irrsinnigen Vorstellung, die Tötung der Jesiden oder ihre Bekehrung zum Islam sichere ihnen ein Platz im Paradies und die Macht über 72 Jungfrauen.

Mehr als 10.000 Jesiden – Männer und Frauen jeden Alters, auch Kinder – wurden erschossen oder massakriert, 5.800 Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt und versklavt, 3.200 Personen befinden sich immer noch in den Händen des IS. Viele begehen Suizid, um sich nicht länger vergewaltigen zu lassen, andere, die sich wehren, werden umgebracht.

Über 400.000 Jesiden mussten aus ihren Siedlungen flüchten und existieren seitdem entwurzelt, traumatisiert und ohne jede Lebensperspektive in Flüchtlingslagern oder unter noch erbärmlicheren Verhältnissen in der Autonomen Region Kurdistan, einige Tausend in der Türkei und in Griechenland.

Die internationale Staatengemeinschaft muss ihr finanzielles und militärisches Engagement deutlich intensivieren, wenn sie die Vernichtung der Jesiden und das Auslöschen ihrer Identität verhindern will. So verlangt es auch die UN-Genozid-Konvention.

Aber nicht nur das. Die verheerenden Terroranschläge in Europa belegen, dass es auch im Sicherheitsinteresse der internationalen Staatengemeinschaft liegen muss, den IS zu zerschlagen. Das sehr zögerliche Verhalten hat dazu geführt, dass der IS immer stärker wurde.

In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, dass die internationale Staatengemeinschaft den Kampf der Autonomen Region Kurdistan deutlich stärker als bisher unterstützt. Politisch ist die Autonome Region Kurdistan ein stabilisierender Faktor im Nahen Osten.

Aber auch die Kurdische Regionalregierung (KRG) muss das grundlegend erschütterte Vertrauen der Jesiden zurückgewinnen. Der Vertrauensverlust hat folgende Ursachen:

Das Oberhaupt der Jesiden und jesidische Organisationen haben die KRG bereits mehrere Wochen vor dem Überfall des IS am 3. August 2014 gewarnt und mehrfach flehentlich um stärkeren militärischen Schutz und um Waffenhilfe gebeten. Die Bitten blieben erfolglos. Als dann am 3. August die IS-Truppen in das Shingal-Gebiet einfielen, zogen sich die dort stationierten 10.000 kurdischen Soldaten (Peshmerga) zurück, ohne Widerstand zu leisten.

Es vergingen vier Wochen, in denen der IS seine schlimmsten Gräueltaten verüben konnte, bis die KRG wenigstens einige Waffen an die heldenhaft kämpfende jesidische Bürgermiliz lieferte. Die KRG hätte nicht auf die Waffenlieferung der Bundesrepublik Deutschland (im Wert von 65 Millionen Dollar) warten müssen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel damals angekündigt hatte, „damit die Vernichtung der Jesiden gestoppt wird“. Die Jesiden hätten noch mehr Opfer zu beklagen, wenn der jesidischen Bürgermiliz zuvor nicht die kurdischen Verbände aus Syrien (YPG) und die internationalen Streitkräfte (besonders USA) zu Hilfe gekommen wären.

Auch in der Zeit danach blieb es bei nur halbherziger Unterstützung. Die KRG versprach, alle Möglichkeiten zu nutzen, um die jesidischen Frauen, Mädchen und Kinder aus der Sklaverei des IS zu befreien. Die Fakten sprechen leider eine andere Sprache:

Im Oktober 2014 wurden nur zwei Millionen Dollar (Stand Mai 2016) für die Befreiung der Frauen eingesetzt. Mit mehr Geld hätte ein Großteil der Frauen und Mädchen aus ihrem Martyrium bereits befreit werden können. Nach dem Oktober 2015 wurde bis Mai 2016 überhaupt kein Geld von der KRG bereitgestellt. Erst im Juni 2016 wurden der Fonds für den Freikauf mit einer Million Dollar aufgefüllt.

Zugleich blieben zahlreiche Möglichkeiten, mit gezielten Angriffen Tausende von Gefangenen in schwach geschützten Ortschaften (allein in Tal Afar über 2.000 Personen) zu befreien, von der KRG ebenso wie von den internationalen Streitkräften ungenutzt.

Jesidische Frauen, die aus der Gefangenschaft entkommen konnten, werden alleingelassen. Nur selten bekommen sie einen Platz in den öffentlichen Camps. Eine Mutter, die mit ihren sechs Kindern anderthalb Jahre in IS-Gefangenschaft war, erhielt gerade mal ein Zelt mit 16 Quadratmetern. Die internationale Staatengemeinschaft hat Hunderte Millionen an Hilfsleistungen aufgebracht, doch die Situation der Flüchtlinge ist fast überall immer noch katastrophal. Wenn sich nichts ändert, wird es dort weitere Tote geben.

Was bedeutet das für die Jesiden? Eines entschieden nicht: Nämlich die Abspaltung – eine illusionäre Vorstellung. Kurdistan ist seit Jahrtausenden die Heimat der Jesiden, deren Religion einst alle Kurden angehörten.

Wir fordern von der Autonomen Region Kurdistan und der internationalen Staatengemeinschaft:

Ernsthafte Schritte zur Befreiung der jesidischen Gefangenen – und zwar sofort.

Beteiligung der Jesiden und Christen mit vollen Rechten bei der Verteilung der Hilfsgelder in Geberkonferenzen und Entscheidungsgremien.

In naher Zukunft muss auch den Minderheiten in Kurdistan ein Leben in Frieden und Freiheit ermöglicht und erlaubt werden. Dazu gehören der Wiederaufbau der Ortschaften in eigener Verwaltung und vor allem international bindende Verpflichtungen für einen dauerhaften Schutz. Dazu gehört aber auch die vollwertige Partizipation in Staat und Gesellschaft.

Den Stand der Moral in einem Staat erkennt man daran, wie er mit seinen Minderheiten umgeht. Wir hoffen, dass die Verantwortlichen dies erkennen.

Telim Tolan (Vorsitzender), Süleyman Kaya (stv. Vorsitzender), Sahap Dag (Generalsekretär)

Zentralrat der Jesiden in Deutschland
Navenda Sêwirdariya Êzîdiyan li Elmanya

www.jesiden.de – zentralrat@yeziden.de – facebook: @ZJDeutschland

Zur Religion der Jesiden:
Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, die nicht missioniert. Die Ursprünge liegen 2.000 Jahre vor dem Christentum. Siedlungsgebiete liegen im Irak, in Syrien, Türkei und dem Iran. Weltweit gibt es ca. 1,2 Millionen Jesiden. Seit Jahrhunderten religiös verfolgt, mussten viele ihre Heimat verlassen. Die größte Exilgemeinde lebt mit mehr als 120.000 Yeziden in Deutschland. Die Massaker der „IS“-Terroristen an Jesiden seit August 2014 im Irak haben nach Einschätzung von UN-Experten das Ausmaß eines Genozids erreicht.