Telim Tolan im Gespräch mit Dieter Kassel

Demonstranten protestieren am 03.08.2015 unter dem Fernsehturm in Berlin gegen die Verfolgung der Jesiden durch die Terrormiliz IS im Nordirak. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
Demonstranten protestieren am 03.08.2015 unter dem Fernsehturm in Berlin gegen die Verfolgung der Jesiden durch die Terrormiliz IS im Nordirak. (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)

 

Am zweiten Jahrestag des IS-Überfalls auf jesidische Dörfer im Nordirak fordert Telim Tolan vom Zentralrat der Jesiden in Deutschland mehr militärisches Engagement gegen den IS. Außerdem solle Deutschland in Griechenland gestrandete Jesiden aufnehmen.

Vor zwei Jahren, am 3. August 2014, überrannte die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats jesidische Dörfer im Nordirak, tötete mehr als 3000 Männer und entführte mindestens 5000 Frauen und Kinder. 3200 von ihnen dienen dem IS seitdem als Sexsklavinnen und menschliche Handelsware.

Vor diesem Hintergrund fordert der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, Telim Tolan, mehr militärisches Engagement gegen den IS: Dieser sei auch deswegen so stark geworden, weil die internationale Gemeinschaft gezögert habe zu intervenieren, kritisiert er. Hier müsse definitiv mehr gemacht werden. „Da kann ich einfach nur appellieren an die internationale Staatengemeinschaft, die Jesiden nicht zu vergessen.“

5000 Jesidische und christliche Flüchtlinge in Griechenland gestrandet

Der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden plädiert außerdem dafür, gezielt jesidische und christliche Flüchtlinge aus Griechenland nach Deutschland zu holen. „Es sind dort circa 5000 Jesiden und Christen, die eigentlich nach Deutschland wollten, weil viele von denen, 90 Prozent, haben Verwandtschaft in Deutschland.“ Deutschland habe sich verpflichtet, 17.000 Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen: „Und es wäre eine wichtige Geste, jetzt genau denen die Hilfe auch zu geben, die am stärksten unter dem IS gelitten haben und leiden.“


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Heute am zweiten Jahrestag des Überfalls von Kämpfern des sogenannten Islamischen Staats auf jesidische Dörfer im Norden des Irak wird wieder ganz viel geredet über das Schicksal der Angehörigen dieser ethnischen Gruppe im Irak. Zwischendurch, zwei Jahre lang hatte man fast vergessen, was damals passiert ist, dabei gibt es weiß Gott keinen Grund, das zu vergessen. Mindestens 5.000 Männer wurden damals, am 3. August 2014 vom IS getötet und wahrscheinlich bis zu 7.000 jesidische Frauen und vor allen Dingen auch Mädchen wurden gefangengenommen.

Viele davon – man spricht von etwa 3.200 – sind immer noch in IS-Gefangenschaft, oder vielleicht sollte man korrekterweise sagen: im Besitz des sogenannten Islamischen Staates. Denn diese Frauen und jungen Mädchen werden als Sexsklavinnen missbraucht und mit ihnen wird Handel betrieben, sowohl im Internet als auch ganz echt auf Märkten in der Region.

Eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates hat das Vorgehen des IS gegen die Jesiden inzwischen als Völkermord eingestuft. In Deutschland leben ungefähr 120.000 Jesiden, in Oldenburg wurde deshalb vor einem knappen Jahrzehnt der Zentralrat der Jesiden in Deutschland gegründet und dessen Vorsitzender ist Telim Tolan. Schönen guten Morgen, Herr Tolan!

Telim Tolan: Schönen guten Morgen, Herr Kassel!

Die Jesiden fühlen sich „allein gelassen“

Kassel: Sie stehen natürlich auch ganz persönlich im Kontakt mit Bekannten und Verwandten im Nordirak. Was hören Sie denn momentan von denen?

Tolan: Ja, Sie haben es ja gerade auch in der Anmoderation erwähnt. Das Leid ist groß, mehr als 400.000 Jesiden mussten ihre Siedlungen verlassen, das sind über 60 Prozent der im Nordirak lebenden Jesiden. Man muss sich einfach mal diese Zahl vergegenwärtigen. Und seit zwei Jahren leben die in sehr widrigen Verhältnissen, in Zelten, wo sich fünf bis sieben Personen einen 16 Quadratmeter großen Raum teilen. Sie bekommen vielleicht so viel zu essen, dass es eben zum Sterben nicht reicht, aber mehr auch nicht, es ist so, dass komplett die Leute traumatisiert sind von ihrer Fluchterfahrung, sie haben Angehörige verloren, es sind viele noch in Gefangenschaft.

Und die Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Man hat geglaubt, dass aufgrund der Aufmerksamkeit durch die internationale Staatengemeinschaft und des Einsatzes auch der Amerikaner und vieler anderer Nationen doch der Krieg gegen den IS schneller gewonnen werden kann und dass man diesen Menschen eine Perspektive gibt, dass man ihnen die Möglichkeit gibt, wieder zurückzugehen in ihre Siedlungen. Aber das ist weit davon entfernt, im Moment sind sie alle desillusioniert und sie fühlen sich alleine gelassen von der Welt. Und sie wissen einfach nicht, was die Zukunft ihnen bringen wird. Sie haben wenig Hoffnung.

Kassel: Ich habe es schon gesagt, die Vereinten Nationen haben das Vorgehen des Islamischen Staates gegen die Jesiden im Irak und auch in Syrien als Völkermord eingestuft. Nun bekämpft der Islamische Staat ja alle, die er für ungläubig hält, ob es nun auch Muslime sind oder nicht. Aber das, was der IS gerade mit den Jesiden macht: Ist das wirklich Ihr Eindruck, verfolgt der IS da wirklich das Konzept, diese komplett auszulöschen?

Tolan: Ja, das ist erklärtes Ziel des IS. Und die auch am schlimmsten Opfer gebracht haben, sind die Jesiden. Mehr als 10.000 Jesiden wurden bisher getötet. Sie sprachen von 5.000, aber Sie müssen einfach wissen, viele sind auch verloren. Und wir gehen nicht davon aus, dass die noch leben. Und es gibt immer wieder auch Massengräber, die entdeckt werden. Also, die Dunkelziffer ist deutlich höher.

Und der IS hat ganz klar auch in verschiedenen Erklärungen zum Ausdruck gebracht, dass deren Ziel es ist, die Jesiden komplett auszulöschen. Sie wollen das Gebiet, ihr Kalifat säubern von Ungläubigen und die Jesiden, das sind für sie sozusagen die, die am wenigsten es wert sind, leben zu lassen oder eben halt zu islamisieren. Und das ist das, was natürlich besonders schlimm ist, dass der IS sich hier eine Gruppe ausgesucht hat, die ohnehin schon in einem Gebiet gelebt hat, was sehr schlecht auch geschützt war. Und für die IS-Menschen war es so, dass die Jesiden eine leichte Beute gewesen sind.

Hilfe für die, die am stärksten unter dem IS leiden

Kassel: Nun sind viele Menschen auch aus dem Irak, aus Syrien inzwischen nach Deutschland geflüchtet. Ich höre da aber immer relativ wenig über die Jesiden, was zum Teil sicherlich auch daran liegt, dass bei diesem ganzen Aufnahmechaos gar nicht bekannt ist, wer da genau kommt. Aber haben Sie das Gefühl, die Bundesrepublik im Speziellen, aber auch überhaupt Europa tut genug für die Jesiden?

Tolan: Also, es ist so, dass natürlich schon sehr viel gemacht wird. Aber der Punkt ist einfach der, jetzt nach zwei Jahren hat doch die Hilfe stark nachgelassen, die UNO hat immer weniger Geld für die Versorgung der Flüchtlingslager. Viele Menschen leben überhaupt gar nicht mehr in den Flüchtlingslagern, sondern müssen außerhalb der Flüchtlingslager einen Platz suchen. Dann kommt einfach dazu, dass viele Probleme schon viel früher hätten gelöst werden müssen, zum Beispiel auch die Frauen, die in Gefangenschaft sind. Es ist so, dass die Frauen häufig auch freigekauft werden können, und da fehlt es an finanziellen Mitteln.

Dann muss man einfach dazu sagen, dass der Kampf gegen den IS auch nicht mit dem Engagement und mit der Notwendigkeit geführt wird, wie es erforderlich ist. Der IS ist im Grunde genommen so stark geworden, weil die internationale Staatengemeinschaft stark auch gezögert hat, einzumarschieren beziehungsweise zu intervenieren. Es muss definitiv mehr gemacht werden, zum einen was die finanzielle Unterstützung betrifft der Menschen, die jetzt geflüchtet sind, und zum anderen aber auch was den militärischen Kampf betrifft gegen den IS. Und da kann ich einfach nur auch appellieren an die internationale Staatengemeinschaft, die Jesiden nicht zu vergessen.

Und was uns auch sehr am Herzen liegt, sind die in Griechenland gestrandeten Jesiden und Christen. Es sind dort circa 5.000 Jesiden und Christen, die eigentlich nach Deutschland wollten, weil, 90 Prozent von denen haben Verwandtschaft in Deutschland. Wir wissen das, weil wir selbst vor Ort gewesen sind in Griechenland und natürlich auch mit denen allen Kontakt halten. Und es gibt die Möglichkeit, über ein europäisches Sonderaufnahmeprogramm diese Menschen aufzunehmen, speziell Deutschland hat sich verpflichtet, 17.000 aus Griechenland alleine aufzunehmen. Und es wäre eine wichtige Geste, genau denen die Hilfe jetzt auch zu geben, die am stärksten unter dem IS gelitten haben und leiden.

Kassel: Sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, Telim Tolan.

Tolan: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, danke, Herr Tolan!

Kassel: Ja, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Quelle: deutschlandradiokultur.de