Telim Tolan

Mit über 120.000 Menschen sind inzwischen die Jesiden (Jesiden, kurdische Bezeichnung Êzîdî) in der Bundesrepublik vertreten. Insgesamt wird ihre Zahl auf über 1.000.000 geschätzt, davon ein Großteil im Irak (etwa 700.000) und dort vom „Islamischen Staat“ verfolgt – mit tausenden von Toten und versklavten Frauen. Im Irak befindet sich auch in der Nähe von Mossul Lalish, das religiöse Zentrum der Jesiden. In Belgien, Dänemark, Frankreich und England gibt es Jesiden, ebenso in Russland, Armenien und Georgien. Aus der Türkei sind sie bis auf wenige hundert geflohen.

Die jesidische Religion ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2.000 Jahre vor dem Christentum liegen. Die Jesiden sind von der Volkszugehörigkeit Kurden. Sie sprechen das nordkurdische Kurmanji (Kurmanci) als Muttersprache.

Ursprünglich waren die Kurden durchgehend Jesiden. Durch zahlreiche Pogrome islamischer Kräfte wurden die Jesiden zur religiösen Minderheit. Das Jesidentum geht von der Allmacht Gottes aus, weshalb es einen Widersacher gegenüber dem göttlichen Willen nicht geben kann. Nach jesidischer Vorstellung wäre Gott nicht allmächtig, wenn eine Gegenkraft ohne sein Dazutun überhaupt etwas – und dann auch noch Unheil – verrichten könnte. Die namentliche Nennung des Bösen ist gleichbedeutend mit der Anerkennung der Existenz dieser Kraft und daher eine Gotteslästerung. Der Begriff wird von Jesiden daher nicht ausgesprochen, er fehlt auch in dieser Darstellung.

Eine zentrale Bedeutung in den jesidischen Glaubensvorstellungen hat Tausi-Melek, der durch einen Pfau symbolisiert wird. Nach der Schöpfungsgeschichte hat Gott Tausi-Melek mit sechs weiteren Engeln aus seinem Licht erschaffen. Gott befahl den sieben Engeln, den ersten Menschen Adam anzubeten. Während die sechs Engel sich vor Adam niederknieten, verweigerte sich Tausi-Melek. Er ist überzeugt, dass niemand außer Gott würdig ist, angebetet zu werden. Damit steht er für die konsequente Anerkennung der Allmacht Gottes. Gott erkorte Tausi-Melek ob seiner Standhaftigkeit und seines Mutes zum obersten Engel. Hierin wird deutlich, dass Tausi-Melek in der jesidischen Theologie keinesfalls mit dem Bösen zu tun, er ist auch kein in Ungnade gefallener Engel, sondern der stärkste Beweis für die Einzigartigkeit Gottes.

Eine weitere Besonderheit: Als Jeside wird man geboren. Es gibt keine Möglichkeit, zum Jesidentum zu konvertieren. Dies schließt aus, dass Jesiden missionarisch tätig werden und Angehörige anderer Religionen bekehren wollen. Es gibt keinen religiösen Fanatismus, der von der Überlegenheit der Religion über andere Glaubensvorstellungen ausgeht. Der jesidischen Religion fehlt somit die aggressive Komponente des Bekehrens mit Feuer und Schwert.

Im Jesidentum gilt das Gebot der Eheschließung innerhalb der eigenen Religionsgemeinde. Diese Heiratsregel – wissenschaftlich: Endogamie – ist Ergebnis einer historischen Entwicklung. Es war der Versuch, die eigene Identität zu schützen, und zweifellos hat die Endogamie in der Verfolgungssituation den Zusammenhalt und die Solidarität der Jesiden gestärkt. Die Heiratsregel ist in der Gemeinschaft fest verankert, in Europa allerdings anderen gesellschaftlichen Bedingungen ausgesetzt.

Innerhalb der jesidischen Gemeinschaft gibt es „Kasten“, die auf den Reformator Sheikh Adi zurückgehen: Familien mit geistlicher Funktion, die vererbt wird, und die Laien. Die Geistlichen sollen die Laien in allen Fragen der Religion unterrichten, sie haben aber auch weltliche Funktion als Betreuer. Der Begriff „Kaste“ bedeutet im Gegensatz zum indischen Kastenwesen kein System der Unterordnung oder unterschiedlicher Rechte. Grundsätzlich sind dem Jesidentum solche Strukturen fremd. Es gibt durchaus Personen, die besonders respektiert werden, aber keine „Clanchefs“, die anderen Befehle erteilen könnten.

Nach dem jesidischen Menschenbild ist der Mensch in erster Linie selbst verantwortlich für sein Handeln. Gott hat dem Menschen die Möglichkeit gegeben, zu sehen, zu hören und zu denken. Er hat ihm den Verstand gegeben und damit die Möglichkeit, sich für den richtigen Weg zu entscheiden. Im Jesidentum herrscht die Auffassung, dass ein Jeside ein guter Mensch sein kann, aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Jeside sein. Das Jesidentum ist von vornherein tolerant gegenüber anderen Religionen. In einem Gebet der Jesiden heißt es: „Gott, schütze erst die anderen

72 Völker und dann uns.“ Die Jesiden haben keine Berührungsängste gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. So ist z. B. das Verhältnis zwischen Jesiden und Christen sehr gut. Dies basiert auch auf der über lange Zeiten gemeinsamen Leidensgeschichte der Jesiden und Christen in den kurdischen Gebieten zu tun. So haben z.B. die Jesiden während der Zeit der Armenierverfolgung 1914 bis 1917 im Osmanischen Reich viele Armenier bei sich aufgenommen und vor Deportation und Vernichtung gerettet.

In ihren Heimatgebieten im Vorderen Orient waren und sind die Jesiden einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: Einmal ethnisch, weil sie Kurden sind, und zum anderen religiös, weil sie in den Augen fanatischer Muslime als „Ungläubige“ gelten, die es entweder zu bekehren oder umzubringen gilt. Denn nach den Vorstellungen radikaler Muslime öffnet sich für denjenigen, der einen Ungläubigen tötet, der Weg ins Paradies.

Die besondere Solidarität der hiesigen Jesiden gilt zur Zeit den Verfolgten in Syrien und im Irak. Das Leiden und die Not der Verfolgten überschattet alles andere. So kommt auch aus Armenien, Georgien und Russland, wo die Jesiden immer noch Benachteiligungen ausgesetzt sind, inzwischen Hilfe für die Verfolgten.

„Integration war und ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe und zum Erfolg,“ heißt es im Buch von Chaukeddin Issa, „Das Jesidentum – Religion und Leben“ ( siehe www.jesiden.de). Die Integration verlaufe nicht immer reibungslos, sei aber gerade bei der zweiten Generation sehr weit fortgeschritten. Jesiden sind überwiegend eingebürgert und in den Schulen, Hochschulen und im Berufsleben nicht weniger erfolgreich als die Bevölkerung insgesamt. Sie betonen, dass sie sich als Mitglieder der deutschen Gesellschaft fühlen. Das Bildungsniveau der ersten Generation war sehr niedrig. Wenn es in den Dörfern der Türkei oder Syriens überhaupt Schulen gab, wurde ausschließlich in den Fremdsprachen Türkisch oder Arabisch unterrichtet.

In der jesidischen Religion gibt es keine Inhalte, mit denen sich eine von den Eltern bestimmte Eheschließung rechtfertigen lässt. Die Partner sollen sich aus freiem Willen zusammenfinden. Daher gehört es zur Zeremonie der Eheschließung, dass der Peshimam oder Sheikh dreimal das Einverständnis der Partner abfragt.

Die arrangierte Ehe (teilweise auch unter Zwang), die in den Herkunftsregionen stark verbreitet war, haben die Jesiden in Deutschland abgeschafft. Und auch in Irak und Syrien gehören Zwangsehen eher der Vergangenheit an. Die Folge: Das Heiratsalter ist inzwischen auf durchschnittlich über 20 Jahre gestiegen. Die Zahl der Kinder pro Ehepaar sinkt.

Die Religion enthält keine Elemente, die eine Benachteiligung oder Diskriminierung der Frau rechtfertigen. Bei der älteren Generation besteht häufig noch ein traditionelles patriarchalisches Rollenverständnis, das aus dem kulturellen Umfeld ihrer Herkunftsregionen stammt, aber nur sehr selten gewaltsam durchgesetzt wird. Gewalt in der Ehe ist verpönt. Die jüngere Generation unterscheidet sich im Hinblick auf die Geschlechterrollen nicht mehr von ihrem gesellschaftlichen Umfeld in Deutschland.

Sogenannte „Ehrenmorde“ hat es auch unter Jesiden gegeben. Zahlreiche jesidische Organisationen haben zu beiden Morden öffentlich Stellung genommen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland schrieb: „Wir verurteilen als Jesiden jede Form von Gewalt und Zwang gegen unsere Töchter und Söhne. Es gibt in der jesidischen Theologie nicht eine einzige Textstelle, die das Töten legitimiert. Derartige Handlungen sind in höchstem Maße unehrenhaft.“

Dasselbe gilt für die Blutrache. Die oft Jahrzehnte währenden Fehden zwischen Familienverbänden, die jeweils eine Ehrverletzung oder einen Mord der Gegenseite rächen, sind von Sizilien bis in den Fernen Osten verbreitet. Diese Blutrache ist der jesidischen Religion unbekannt. Es gibt nicht einmal die alttestamentarische Vorstellung von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dennoch gab es unter Jesiden in Deutschland Fälle von Blutrache.

Mittlerweile gibt es im gesamten Bundesgebiet jesidische Vereine. Fast alle Vereine in der Bundesrepublik sind heute in der Lage, der jesidischen Bevölkerung vor Ort Räume für Versammlungen zur Verfügung zu stellen. So wurde in Oldenburg im Jahre 1999 das erste jesidsche Gemeindehaus (Mala Ezîdiyan) in Deutschland gebaut. 2007 wurde in Oldenburg der Zentralrat der Jesiden in Deutschland gegründet.

Religion und Ethik der Jesiden stehen laut Zentralrat „im Einklang mit dem deutschen Grundgesetz und dem tragenden Prinzip, dass die Demokratie die Voraussetzung für eine friedliche gemeinsame Zukunft ist.“