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Das Dogma Tausi-Melek in der Literatur - Vergleich und Bewertung



Symbolische Darstelllung des Tausi-Melek von L. Nabo

Chaukeddin ISSA

 

Kein religiöses Thema der yezidischen Religion wird so unterschiedlich interpretiert und zieht die Aufmerksamkeit so auf sich wie das Dogma des Tausi-Melek. Ein wichtiger Grund dafür, dass in der Mehrheit der islamischen Welt die Yeziden als Ungläubige betrachtet werden und deshalb auch großen Repressionen ausgesetzt sind, liegt in der Fehlinterpretation der Bedeutung Tausi-Melek´s.

 

Es ist von zentraler Bedeutung, präzise und mit viel Sorgfalt über das Dogma des Tausi-Melek im Yezidentum zu schreiben. Dieses Thema ist ein Schlüssel zum Yezidentum und bildet einen wesentlichen Teil der yezidischen Theologie.

 

Dieser Artikel stellt keine abschließende Abhandlung über Tausi-Melek dar. Vielmehr ist diese Arbeit als Beispiel für den Stand der Diskussion über Tausi-Melek zu sehen. Es werden orientalische, europäische und yezidische Quellen herangezogen, um auch die in der Literatur vorhandene (Miss-) Interpretationsvielfalt zu verdeutlichen. Am Ende des Artikels wird der Autor eine eigene Zusammenfassung über die Bedeutung Tausi-Melek geben.

 

Orientalische Quellen

Abdurrezak Al-Hasseni

Abdurrezak Al-Hasseni, ein arabisch-irakischer Schriftsteller und Religionshistoriker, schreibt in seinem Buch “Al-Yezidijjoun fi hadirihem we madihem”, erschienen im Jahre 1981 in Bagdad, auf  Seite 42 über Tausi-Melek folgendes: “Die Yeziden glauben, dass das Universum durch zwei Kräfte (Prinzipien) entstand, nämlich durch das böse und gute Prinzip. Das gute Prinzip, und das ist der allmächtige Gott, besiegte das böse Prinzip, und das ist das Böse, und vertrieb es anschließend aus dem Himmelreich. Das ist das gleiche, woran die Zoastrier glauben. Nach der zarathustrischen Religionslehre existieren zwei Götter, ein guter Gott  (Ahura Mazda) und ein böser Gott (Ahiraman). Das Böse ist bei den Yeziden ein in Ungnade gefallener Engel. Er wurde  nach seiner Reue wieder in die Gnade Gottes aufgenommen. Er ist es, der alles Böse verursacht, deshalb erwähnen die Yeziden nicht einmal seinen Namen (........). Sie glauben, dass er derselbe Taus ist, der im Alttestament erwähnt wurde (die Vertreibung Adams aus dem Paradies und die Rolle der Schlange und des Taus). Damit das Böse keine Katastrophen mit sich bringt, vermeiden sie es, an ihn zu denken oder gar seinen Namen zu erwähnen.

 

Suleyman Sayegh

Der Priester Suleyman Sayegh  (ein christlicher Aramäer)  macht in seinem Buch Die Geschichte von Musil (1. Auflage, Seite 296) folgende Anmerkung über den gefallenen Engel:

Sie sprechen sich von der Sünde dadurch frei, dass sie sagen,  Gott  sei unendlich barmherzig  und tue ihnen dementsprechend nichts Böses. Der Böse bringt nur Böses, weil er selbst der Erzeuger der Sünden ist. Aus diesem Grunde ist es sinnvoller, sich vom Bösen zu entfernen und ihn namentlich nicht zu erwähnen ....

 

Asseyr wel Tafasil

Asseyr wel Tafasil fügt die folgende Bemerkung hinzu: Der unbeliebte Engel (der Böse)  trug den Namen Taus Al-Malayka, weil er sehr schön gewesen sein soll. Dies aber war, bevor er in die Ungnade Gottes gefallen und aus dem Paradies vertrieben worden war.

 

George Habib

Auf weit höherem Niveau bewegt sich George Habib, ein christlicher Historiker. Er entwickelt in The Yazidis (Bagdad 1978,  S. 18 und 19) eine weitgehende Theorie: Die alte Religion des Irans und Babylons ist  im Grunde genommen die Religion der Yeziden.

 

Das Oberhaupt, der yezidischen Engel Tausi-Melek, sei von seiner religionshistorischen Herkunft her der sumerische Gott Nabo, Hauptfigur in der babylonischen Religion. Die Charaktere seien identisch. Der Gott der Sumerer im alten Mesopotamien, 6000 bis 7000 vor Christus, sei für die Babylonier  wie Tausi-Melek für die Yeziden der Ursprung der Weisheit, der Herr der Landwirtschaft und der Belehrer der Menschheit. Zudem sei die Funktion des Tausi-Melek beim yezidischen Jahreswechsel  identisch mit der des Nabo im babylonischen Jahreswechsel. Wie die Yeziden begingen die Babylonier ihr Neujahrsfest im April. Nach deren Vorstellung saß Nabo neben seinem Vater Murduck, dem Herrn aller Götter, und empfing von ihm die Tafel des Schicksals. Nabos Aufgabe war es dann, auf die Tafel zu schreiben, was die Götter für das neue Jahr empfohlen hatten. Nabo hatte aber nicht nur die Aufgabe, für die Götter zu schreiben und ihre Befehle zu befolgen. Als Gott hatte auch er Macht über Ordnung und Wohlstand auf der Erde und über das Alter der Menschen. Ebenso hat Tausi-Melek die Macht von Gott bekommen, über die Erde zu herrschen. Er bekam von Gott den Befehl, ein System von Recht und Ordnung für die Menschheit zu schaffen. Mittwoch, der heilige Tag der Yeziden, der in Verbindung mit Tausi-Melek steht,  war auch  den Babyloniern heilig und steht in Verbindung mit Merkur, dem Planeten, der Nabo symbolisiert. (Kizilhan, S.181).

 

...Eine weitere Theorie geht davon aus, dass der assyrische König Nebuchadnezzar (kurdisch  Bextnesir) ein Yezide war. Die Traditionen der Yeziden sind, wie bereits erwähnt, sehr eng verwandt mit denen der Babylonier,, und König Nebuchadnezzar war vermutlich ein Anhänger dieser Religion. Viele christliche Reisende berichteten um 300 n. Chr., dass die Bewohner der Stadt Achriboos am Euphrat Tausi-Melek anbeteten, und dass ebenfalls Gebete und Zeremonien mit Musikbegleitung für Nabo stattfanden. Das gleiche wird von Reisenden über die Yeziden berichtet. Yeziden benutzten bestimmte Musikinstrumente während der Zeremonien und Gebete für Tausi-Melek.

 

Schließlich behauptet Habib, der Name Tausi-Melek komme ursprünglich aus der aramäischen Sprache. Als die Sassaniden die Bewohner von Mesopotamien unter ihre Herrschaft gebracht hatten, seien die Yeziden, Anhänger von Nabo, gezwungen gewesen, den Namen von Nabo in Tausi-Melek, einen aramäischen Namen, umzuwandeln, um nicht verfolgt zu werden... Der Tempel von Nabo wurde in Nimrud, in einer Stadt nicht weit von dem yezidischen Tempel Lalish, errichtet. Hinzu kommt, dass der Haupttempel von Nabo in Borsippa am Fluß Euphrat, den Namen IZIDI trug.

 

Muhammad Amin Zaki Beg

Der kurdische Historiker Muhammad Amin Zaki Beg, ehemaliger irakischer Minister in den 30er Jahren, hat in seinem  Buch Die Geschichte Kurdistans und der Kurden (1931 im Verlag Zeyneddin im Libanon)  richtige und falsche Informationen bis hin zum  blanken Unsinn zu einer Mixtur verrührt, die erkennen lässt, auf welchen Vorstellungen und Denkgleisen die Verachtung des Yezidentums beruht:

 

Die Yeziden beten die Sonne und den Bösen an, ähnlich wie bei den Zarathustriern, die an die Existenz zweier übernatürlichen Mächte oder Kräfte (Götter) glauben, nämlich Hirmiz (Ahura Mazda) und Ahiraman.

 

Die Yeziden glauben daran, dass die Barmherzigkeit des guten Gottes (Xwedê) unendlich sei, dass er die Quelle der Wärme und Geborgenheit, der Liebe und der Gerechtigkeit sei. Er ist gnädig und verzeihend. Deshalb braucht man ihn nicht zu fürchten. Er steht auf der Seite der Menschen und tut ihnen nur Gutes. Ganz anders sieht es bei dem Bösen aus. Sein Zorn ist unberechenbar. Er ist es, der die Menschen in Versuchung bringt. Deshalb ist seine Verherrlichung Pficht eines jeden Yeziden. Nur so können Menschen seinen bösen Taten entgehen..... Der Böse ist die Quelle aller bösen Taten in der Welt. Er kann die Menschen in Versuchung bringen, und er ist wiederum in der Lage, uns Menschen vor den bösen Taten zu schützen.... Die Yeziden verehren ein Götzenbild, eine Statue in Gestalt eines Vogels..... Diese heilige Figur nennen sie Malak Taus.... Sie glauben, dass Malak Taus lange vor allen Geschöpfen existierte, er ist überall und in jedem Zeitraum.... Sie glauben, dass ihr Heiliger “Sheikh Adî von Malak Taus durch Inkarnation (Seelenwanderung, Wiedergeburt in anderen Gestalten) beseelt wurde. (...) Sie glauben nicht an die Existenz einer Hölle und schon gar nicht an die der bösen Geister oder Dämonen.

 

An einer anderen Stelle heißt es: Das Wort Taus ist in seinem Ursprung ein griechisches Wort. Es wurde vom Wort Thäus (richtig: Theos - daher auch der Begriff Theologie) abgeleitet, was Gott bedeutet. Die Christen haben den Begriff von den Griechen übernommen und verwendeten ihn in ihren Gebeten und Ritualen.

 

Dr. Jamal Nebez

Dr. Jamal Nebez, ein kurdischer Orientalist und langjähriger Leiter des Instituts für Iranistik an der Freien Universität Berlin, vertritt folgende Theorie: Weil die kurdisch sprechenden Yeziden als Anbeter des Bösen bezeichnet werden, liegt es nahe, die Bedeutung des Wortes Schah tan in der kurdischen Sprache zu untersuchen. In Diskussionen über die yezidische Religion kam ich zu dem Schluss, dass dieser Begriff im Kurdischen eine ganz andere Bedeutung hat. Es steht nicht für die Bezeichnung des Bösen. Das Wort besteht aus zwei Teilen: Schah bedeutet in etwa heiligTa oder Tan entspricht ungefähr Geistoder SeeleDarauf deutet auch die Eidesformel der christlichen Aramäer in Tur Abdin. Sie beherrschen die kurdische Sprache durchweg ebenso gut wie die Kurden, da sie das Gebiet mit den Kurden seit Jahrtausenden teilen. Der Eid lautet in kurdischer Sprache: Bi Îsa û her diwazdeh Schagirtiyan und in der Übersetzung: Ich schwöre bei Jesus und den 12 Aposteln, die den heiligen Geist empfangen haben. Auch der damalige Herrscher des Irans, der  Schah, wurde von seinen Anhängern verehrt und als Schahin Schah Arier Mihir  bezeichnet. Zu deutsch: Der Heiliger aller Heiligen, die Sonner der Arier.

 

Offenkundig sind die religionshistorischen Beziehungen zum christlichen Glauben: Vor allem in dessen katholischer Ausprägung spielt der Heilige Geist eine wesentliche Rolle. Die Segnungs-Formel verweist auf diese Dreifaltigkeit mit der Formulierung Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes...

 

Die Exotischste Version

Die exotischste unter den vielen Versionen über Tausi-Melek, deren Verfasser, Herkunft und Datum leider unbekannt sind, ist die folgende:

Nachdem Gott Tausi-Melek bestraft und ihn in die Hölle verbannt hatte, zeigte dieser Reue und bat den Allmächtigen um Gnade. Dieser Bitte kam der Allmächtige erst nach, nachdem Tausi-Melek als Zeichen seiner Reue 7000 Jahre geweint und seine Tränen in 7 Krügen gesammelt hatte. Mit diesen Tränen hatte er zugleich das Feuer der Hölle gelöscht. Seitdem gibt es bei den Yeziden weder Hölle noch Höllenstrafen....

 

Europäischen Quellen

Theodor Menzel

In seinem Gutachten für die Gesellschaft für bedrohte Völker übernimmt Alexander Sternberg-Spohr folgende Bemerkungen von Menzel (1941):

 

Malak Taus ist nicht das böse Prinzip, sondern im Gegenteil die Leugnung des Bösen überhaupt, das einen unentbehrlichen Teil des göttlichen Weltplanes bildet und in richtiger Auffassung der Relativität und Subjektivität des Bösen als notwendig erkannt ist. (...) Malak Taus gilt für einen in Ungnade gefallenen Engel, der nach der Legende von Gott infolge seiner Reue wieder in Gnade aufgenommen worden ist. Die Yeziden glauben offenbar an keine Hölle, an keinen Bösen in unserem Sinne und an keine Höllenstrafen, die eine Verkörperung des bösen Prinzips wäre. Das Böse wird geleugnet.

 

F. Nu

Der französische Orientalist F. Nu vertritt in seinem Buch Die Texte und die Beweise über die yezidische Religion auf  Seite 17 ebenfalls die Auffassung, der Begriff habe mit dem arabischen Wort für Pfau entstehungsgeschichtlich nichts zu tun: Das Wort Taus stammt aus dem Griechischen. (...) Dieses Wort bedeutet Gott, und Tausi-Melek bedeutet Engel Gottes.

 

Prof. Carsten Colpe

Carsten Colpe, Professor für allgemeine Religionsgeschichte und historische Theologie, berichtete im Süddeutschen Rundfunk  am 28. Oktober 1997 über die Yeziden. Auszug aus dem gesprochenen Text:

 

Sie verehren einen Malak Taus, zu deutsch Engel Pfau....Bei einem Heiligtum in Lalish steht dieser Engel Pfau, und über ihn war zu erfahren, dass er irgendwie für die Schöpfung zuständig ist, dabei auch die Existenz von bösen Dingen geschehen läßt. Er ist nicht der Schöpfer des Bösen. Aber er ist ein Dulder des Bösen, was dort eine besondere Courage, Zivilcourage voraussetzt, und die europäischen Verwaltungsbeamten oder Reisenden oder Missionare, die das kennenlernten, haben das nur von außen gesehen, und da sie über Malak Taus nicht hörten, dass er die Liebe gebracht habe, oder was auch immer, sondern merkwürdige Dinge, darunter auch die Duldung des Bösen, haben sie gesagt, das ist ein Böser, und die Yeziden sind in Wirklichkeit Bösenanbeter. Dieser Tausi-Melek ist sehr alt. (...) Der Grundgedanke, die Grundüberzeugung, weshalb man einen Pfau verehrte, hatte gar nicht jetzt mit der Frage zu tun, ob er gut oder böse, oder ob er etwas mit der Hölle zu tun oder gar nicht, darf man ihn Pfau nennen oder gar nicht. Dass einfach ein solches Pfauensymbol - auch wenn es die Sonne symbolisiert - verehrt wurde, das ist ein ganz großes Rätsel, und das kann sein, dass diejenigen, die heute Yeziden heißen, an der Verehrung dieser Gestalt, dieser Pfauengestalt festgehalten haben, während andere es nicht taten. Insofern wäre dieser Tausi-Melek tatsächlich ein Bestandteil der heutigen yezidischen Religion, der der älteste von allen ist, aber damit ist wiederum nicht bewiesen, dass mit dem Vorhandensein dieser Gestalt oder dieses Symbols schon das ganze yezidische Volk existierte, dafür braucht man mehr.

 

Mark Lidzbarsky

Mark Lidzbarsky, ein deutscher Wissenschaftler, behauptet  in seinem Buch Ein Exposé der Yeziden“, erschienen im Jahre 1897, auf Seite 595:

Tausi-Melek ist von seiner Herkunft her ein Babylonier, also er ist identisch mit dem babylonischen Gott Tammuz.

 

Johannes Düchting und Nuh Ates

Johannes Düchting und Nuh Ates schreiben in ihrem gemeinsamen Buch Stirbt der Engel Pfau? (Verlag medico international): 

 

Für die Moslems und Christen ist Tausi-Melek der ungehorsame Engel, der Böse. (...) Das jüdisch-christliche Alttestament und der islamische Koran gehen davon aus, dass einer der von Gott geschaffenen Engel von ihm abgefallen ist und die Rolle des Gegenspielers Gottes, des Bösen, übernommen hat. Die Tatsache, dass die Yeziden keinen derartigen gefallenen Engel kennen, bzw. der Mythos, dass Tausi-Melek nach seinem Sturz in die Hölle bereut habe und wieder in  die Gnade Gottes  aufgenommen worden sei, ließen das Vorurteil gedeihen, dass in der Verehrung des Tausi-Melek die Verehrung des Bösen zu sehen sei. Auch das Symbol des Pfau, in dem der Tausi-Melek abgebildet wird, gilt bei vielen Moslems als Symbol des Bösen. (...) Nach islamischer Ansicht verstößt die Verehrung des Tausi-Melek gegen das Hauptgebot des Islam, wie es in der Sure 112 des Korans formuliert ist. Insbesondere für die Moslems war der Vorwurf der Verehrung eines Nebengottes oder gar der Bösenanbetung Grund genug für die Massaker und Ausrottungsfeldzüge gegen die Yeziden.

 

Oftmals waren zumindest die einfachen islamischen Gläubigen vollständig davon überzeugt, im Kampf gegen die Yeziden den Bösen und Bösenanbeter zu verfolgen und somit ein gutes Werk zu tun.

 

Prof. Dr. Dr. Gernot Wießner

Prof. Dr. Gernot Wießner hat sich als Religionswissenschaftler über Jahrzehnte mit der yezidischen Religion auseinandergesetzt und auch in den Siedlungsgebieten umfangreiche Untersuchungen unternommen.

 

Er schilderte die Rolle von Tausi-Melek  so: Die Yeziden verehren einen einzigen Gott (Kurdisch: Xwedê) der Herr. Dieser ist Schöpfer und Gestalter des Kosmos. Er ließ sieben Engel entstehen, als ersten Melek Taus  (=Engel Pfau als Ehrenname).  Melek Taus ist durch die Kraft Gottes an der Schöpfung bzw. an der Gestaltung der Welt und des Urelternpaares Adam und Eva in herausragender Weise handelnd beteiligt. Lebendigkeit und Lebensmöglichkeit der Ureltern, deren Fortpflanzungsls nofähigkeit und deren Ausscheidungsorgane sind ebenso wie das Paradies und die Hölle Werke des ersten Engels im Auftrage Gottes. Gott übertrug Melek Taus die Herrschaft über Welt und Menschen. (...) Das Verhältnis des Menschen zu Tausi-Melek ist durchaus auch von Angst bestimmt, weil seine Gaben (Gut und Böse) unberechenbar sind... (Informationsbroschüre der Evangelischen Kirche Deutschland, erschienen 1992 in Hannover).

 

In einem von der Dengê Êzîdiyan geführtes Interview (1995, Ausgabe Nr. 4,  Seite 31) hob Prof. Wießner die zentrale Bedeutung des Tau´si-Melek hervor: Ich glaube, dass die yezidische Theologie entwickelt werden kann, wenn die Yeziden die wesentlichen Grundgedanken ihrer Religion ernst nehmen und von ihnen aus weiterdenken. Ein derartiger Grundgedanke der yezidischen Religion ist das Verhältnis zwischen Xwedê und Tausi-Melek. In welcher Beziehung stehen beide zueinander und in welcher Art und Weise läßt sich theologisch, dass heißt abstrakt, nicht mythologisch, die Bedeutung des Tausi-Melek für die gegenwärtige Existenz der Welt reflektieren. Die yezidische Religion hat ja doch zwei gedankliche Bezugspunkte. Der eine Bezugspunkt ist Xwedê selbst, und der andere ist Tausi-Melek mit seinem Wirken an der Welt und in der Welt. Das ist eine Glaubensaussage, die theologisch reflektiert werden kann, und von der her man mit anderen Kulturen und Religionen ins Gespräch kommen kann.

 

In einem weiteren Aufsatz über die yezidische Religion gab Prof. Wießner die Verehrung des Tausi-Melek als einen Grund für die Missachtung der Yeziden durch die Muslime an: Für den Muslimen vergehen sich die Yeziden vor allem durch ihren Glauben an den neben Gott existierenden und zur Herrschaft über die Welt berufenden Engel Pfau gegen das Hauptgebot des Islam, das (vor allem) in der Sure 112 des Koran formulierte Gebot der Wahdaniya, den verbindlichen Glauben: Dass Gott ein Einziger und Alleiniger ist, der keinen Genossen neben sich hat. Jede Leugnung der Einzigkeit Gottes ist für den Muslimen “Hinzugesellung, die einzige Sünde nach muslimischem Gesetz, die nicht zu sühnen ist, sondern mit dem Tod bestraft werden muss. Diese Widergöttlichkeit dokumentiert sich auch in der Durchbrechung des für den Muslimen geltenden Alkoholverbotes, sowie in der Tatsache, dass bei den Yeziden Bilder des Königs Pfau und der Engel verehrt werden, dass “Gott also im Bilde verehrt wird, während für die Sunna die Herstellung  von Bildern Gottes (und des Propheten Muhammad) verboten ist.

 

Yezidische Quellen

Khidir S. Khalil (Pir Xidir Suleyman)

In seinem 1985 in Arabisch erschienenen Buch Traditionen eines yezidischen Dorfes schreibt Pîr Xidir: Woher wurde der Begriff Tawis abgeleitet? Seit wann wird dieser Begriff verwendet? Wer ist Tausi-Melek und welche Stellung im yezidischen Glauben nimmt er ein?

 

Die yezidische Religion sagt, dass Tausi-Melek einer der sieben Erzengel ist. Diese sind Azrael, Jibrael, Mikael, Derdael, Schemqael, Azazel und Asrafel....Diese Engel erschienen lange bevor die Heiligen da waren. Sie gingen gemeinsam zu ihrem Herrn, um ihn zu sehen... Azazel war einer von ihnen. Dieser hat den Befehl und Rat des Allmächtigen nicht vergessen. (...) Als der Allwissende allen Sieben befohlen hatte, sich vor Adam niederzuknien, hat Azazel seinem Herrn gesagt, dass sie -  gemeint sind damit die sieben Engel - ihn und nur ihn anzubeten haben und keinen anderen außer ihm. Hier hat ihn der Allmächtige für seine Einstellung belohnt und ihn über alle Engel gestellt und zu dessen Führer gekrönt. Seit diesem Moment heißt er Tausi-Melek.

 

Dr. Memou Othman (Pir Memo)

Dr. Memou Othman, Religionsforscher und Yezide, berichtet folgende Version des Ablaufs der göttlichen Schöpfung:

 

Gott schuf Tausi-Melek als erstes Geschöpf und vor den anderen Erzengeln. Er befahl ihm, sich niemand anderem außer ihm zu unterwerfen. Erst dann schuf er die sieben Erzengel und befahl ihnen, ihm Erde zu holen, um den Urmenschen Adam zu schöpfen. Er schuf Adam und blies ihm eine Seele ein. Anschließend forderte er alle Engel auf, sich vor Adam niederzuwerfen. Die sieben Erzengel taten es, nur Tausi-Melek tat es nicht. Als Gott ihn nach dem Grund seiner ablehnenden Haltung fragte, antwortete er: Wie soll ich mich jemand anderem außer Dir niederwerfen. Ich stamme aus Deinen Strahlen, Adam aus der Erde (Asche). Übrigens habe ich Deinen Befehl nicht vergessen. Gott belohnte ihn dafür. Er ließ ihn als Führer der Engel krönen und sandte ihn als seinen Vertreter auf Erden. Deshalb glauben die Yeziden, dass Tausi-Melek Vertreter Gottes auf Erden sei, der einmal im Jahr zu den Menschen herabsteigt, und zwar am ersten Mittwoch im Monat April. Das ist auch gleichzeitig das Neujahrfest bei den Yeziden. An diesem Tag schuf Gott Tausi-Melek aus seinen Strahlen.

 

Dr. Ilhan Kizilhan

Der yezidische Wissenschaftler Dr. Ilhan Kizilhan, zitiert in  seinem Buch Die Yeziden, auf Seite 94 einen Hinweis  von W. F. Ainsworth, einem englischen Sammler und Wissenschaftler: Ainsworth behauptet, dass das Symbol des Engels Pfau eine Reihe von Ähnlichkeiten mit den heiligen Symbolen der assyrischen Skulpturen aufzeigt, welche in der Nähe der heiligen Tempel der Yeziden entdeckt worden sind. Von einem yezidischen Religionsgelehrten (Feqîr) stammt die von Kizilhan zitierte Erklärung (Seiten 98, 99): Das Symbol des Tausi-Melek ist das Emblem der Yeziden, mit dem sie sich von den anderen religiösen Gemeinschaften unterscheiden. Ein Yezide identifiziert sich in erster Linie als Anhänger des Tausi-Melek und erst in zweiter Linie mit seinem Stamm oder dem Gebiet, in dem er lebt. Es handelt sich hier nicht nur um ein abstraktes Subjekt; es ist eine klare kulturelle Identifikation. (...) Der Glaube an Tausi-Melek spielt für die Yeziden aber vor allem deshalb eine so herausragende Rolle, weil er dabei geholfen hat, angesichts der unmenschlichen Repressionen und Verfolgungen, denen sie oft ausgesetzt waren, die Hoffnung nicht ganz zu verlieren und diese Zeiten trotzdem zu überstehen. Ohne diesen Glauben wäre die yezidische Gemeinschaft schon längst zerfallen.

 

Nach Ansicht von Kizilhan (S.102) glauben die Yeziden sogar daran, dass die sieben Erzengel, angeführt von Tausi-Melek, nach Lalish  (das Heiligtum der Yeziden im Norden Irak - Irakisch-Kurdistan) gekommen seien und dort für die Menschen Recht und Ordnung, Sed û Hed, geschaffen haben  (Die Yeziden, Jahrgang 1997, Verlag medico international).

 

Dr. Khalil Jindy (Sheikh Khalil)

Dr. Khalil Jindy, ein yezidischer Experte, schreibt in seiner im Jahre 1992 erschienen Broschüre Auf dem Weg zur Wahrheit der yezidischen Religion auf der Seite 37 und 38 folgendes:

 

Sheikh Mend, der auch Mendê Mala genannt wird, ein Heiliger der Yeziden und Angehöriger der Würdenträgerkaste der  Schemsanî, wird als Sheikh der Schlangen  (Schlangenbeschwörer) genannt. Die Nachfahren dieses HeiligHen fangen die Schlangen, ohne  von ihnen gebissen zu werden.

 

Mend oder  Mendala symbolisiert bei den Hindus und Buddhisten wiederum das Universum. Auf einigen archäologischen Funden und  Mosaiken macht man die Beobachtung, dass das Bild der Schlange als Beschützer der Schätze zu sehen ist. Die Yeziden töten niemals eine schwarze Schlange. Sie betrachten sie als ein heiliges Tier und glauben, dass sie unsterblich ist. All diese Tatsachen weisen darauf hin, dass eine Verbindung zwischen Tausi-Melek, der Schlange, dem Mend und der Sonne existiert.

 

Wenn Tausi-Melek das Symbol des Universums darstellt, ist die Schlange seine Weisheit und Klugheit.

 

Auf der Seite 42 der Broschüre heißt es:

Tausi-Melek ist nichts anderes als die Modifizierung des griechischen Wortes Thäus, das Gott heißt.

 

Diese Bezeichnung  haben die Christen in ihren Gebeten übernommen.

 

Und wenn unsere Überzeugung zutrifft, dass die Schlange, Mend, Tawis und die Sonne in Verbindung zu bringen sind, dann ist die Schemsanî-Kaste wohl das Urgestein der uralten Schamanenreligion in Nordasien und Europa, und Tausi-Melek ist selbst der Sonnengott.

 

Der Vogel Pfau, der in seinen Ursprung aus Indien kommt, symbolisiert das ewige Leben (die Ewigkeit) und die reine Seele (der reine Geist). Bei den Yeziden symbolisiert er allerdings die Sonne und ihre Schönheit. Tausi-Melek ist eine weitere Bezeichnung Gottes. Einmal wird Tausi-Melek als Gottheit im Himmel genannt, ein anderes Mal wird er als  Sonnengott bezeichnet. Man kann als Schlussfolgerung sagen, dass Tausi-Melek  Gott der guten Taten und des Segens und der Geborgenheit ist.

 

Böse Taten stammen nicht etwa von der Kraft der Natur, man muss sie als Bekundung des freien Willens Gottes betrachten.

 

Wenn Tausi-Melek als Gebetsrichtung  geheiligt wird, wird die Sonne als richtungsgebend für die Gebete der Yeziden betrachtet (angebetet, verherrlicht). Ihre Ablehnung, den Namen des Bösen zu erwähnen, hängt mit ihrer Überzeugung zusammen, niemanden zu verfluchen, nicht die Menschen und nicht den in Ungnade gefallenen Engel, wie es im Judentum, Christentum und Islam der Fall ist.

 

An einer anderen Stelle seiner Broschüre (Seite 24) schreibt Dr. Khalil Jindy folgendes:

 

In den mündlichen Überlieferungen  der Yeziden wird erwähnt, dass Tausi_-Melek auf dem Baum Helhel sitzt. Dieser befindet sich im Paradies. Auf dem Zugang des Paradies existieren zwei Gebilde, das Bild der Schlange und das des Vogels Pfaus. Von anderen Würdenträgern der Yeziden hört man, dass Pir Avat selbst Tausi-Melek ist. Er ist der Wortführer aller Engel, er ist das Licht der Sonne und die Kraft Gottes.

 

Er schreibt weiter: Der yezidische Glaube geht davon aus, dass die Quelle der bösen und guten Taten der Allmächtige selbst ist. In einem Gebet heißt es: O Herr, segne uns mit guten Taten und wende von uns böse Taten ab.

 

Dr. Khalil Jindy glaubt, dass die unter den Yeziden vorherrschende Vorstellung der Funktion Tausi-Melek´s in der Schöpfungsgeschichte (in Ungnade gefallen, Reue gezeigt, Wiederaufnahme in die Gnade Gottes) auf islamische Einflüsse zurückzuführen ist.

 

Hosheng Broka

Die folgenden Texte wurden aus seinem in arabischer Sprache erschienenen Buch Tausi-Melek: Sich dem Willen Gottes zu beugen und zu unterwerfen als absolute Pflicht und sich dem Befehl des Allmächtigen zu widersetzen als relative Pflicht (Seiten 73-76 ) entnommen.

 

Wir haben bereits das Thema Tausi-Melek behandelt, und zwar aus der Sicht der yezidischen Mythologie,  und haben die Würde und den Rang dieses Himmelsboten, seine Rolle und wie ihn der Allmächtige aus seinem Licht geschaffen hat, dargelegt. Und wenn wir die Hauptdarstellungen der drei Buchreligionen des Judentums, Christentums und des Islam genauer betrachten, so stellen wir fest, dass das Wissen und die Empfindung in allen drei Religionen auf Liebe, Angst und Hass beschränkt ist. Die Liebe zu Gott, die Furcht vor seiner Macht und seinen Strafen und der Hass Gottes, der gegen seinen Widersacher Iblis gerichtet ist.

 

In der Koransure A´raf (10, 11, 12, usw.) wird dargelegt, dass Gott Iblis aufgefordert hat, sich dem Menschen Adam zu beugen. Dieser hat sich dem göttlichen Befehl mit der Begründung widersetzt, er sei aus Licht und Feuer und Adam aus Erde. Wie soll sich ein Wesen aus göttlichen Strahlen einem aus Erde geformten Menschen beugen?

 

Hier fiel er in die Ungnade Gottes und wurde mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft.

 

In der Koransure Al-Baqara wird Tausi-Melek / Iblis sogar als Gottesleugner (Kafir) abgestempelt, weil er sich dem Befehl seine s Herrn widersetzt hat.

 

Während Tausi-Melek im yezidischen Glauben eine zentrale Rolle zugeschrieben wird und er den höchsten Rang einnimmt und mit dem Allmächtigen in voller Harmonie existiert, ja sogar als ein Teil von ihm angesehen wird, wird diese Darstellung bei den Buchreligionen herabgesetzt und sein Verhalten gegenüber dem Allmächtigen als Gottesleugnung dargestellt.

 

Genau diese unterschiedlichen Ansichten in dieser Problematik werfen unendlich viele Fragen auf, die ungelöst und unbeantwortet bleiben. Und genau das führt dazu, dass das Ganze nie eine realistische Gestalt und Form annehmen wird.

 

Durch Vergleiche zwischen den beiden unterschiedlichen Ansichten oder Überzeugungen kommen wir zu den folgenden Schlussforderungen (Resultaten):

 

Gott hat Tausi-Melek als erstes Wesen geschaffen und von ihm verlangt, ihm allein zu gehorchen und sonst niemandem. Was rechtfertigt den göttlichen Befehl an Tausi-Melek, sich nun Adam zu beugen?

 

uWie würde sich Tausi-Melek dem Willen Gottes wiedersetzen und damit ungehorsam werden, obwohl dieser Wille lautet: So muss es sein und so wird es auch geschehen.

 

Hat sich Tausi-Melek durch seine Ablehnung und Widersetzung, sich Adam zu beugen, nicht etwa logisch verhalten? War das nicht die beste Rechtfertigung? Er sei aus Feuer und Adam aus Erde, und es ist unakzeptabel, dass sich ein Wesen aus Feuer einem aus Erde beugen würde, zumal das Feuer in seiner Natur eine höhere Stellung einnimmt als die Erde.

 

Ist die zweite Rechtfertigung Tausi-Meleks, in der er nicht vergessen hat, was sein Herr ihm gesagt hatte Du sollst nur mir gehorchen,  nicht logisch und folgerichtig?

 

Wenn die Darstellung des Korans wahr wäre, dass Gott Tausi-Melek in der Tat aus dem Paradies vertrieben hat und er (Tausi-Melek) in Ungnade gefallen wäre, wieso lässt er zu, dass er (Tausi-Melek) sei Unwesen treibt, Menschen in Versuchung bringt? Warum versucht Gott nicht, den bösen Taten Tausi-Melek (aus der Sicht des Islams) Einhalt zu gebieten?

 

uWarum sagen wir nicht, dass Tausi-Melek richtig gehandelt hat und mit seinem Verhalten seine göttliche Herkunft bewiesen hat?

 

Tausi-Melek in den yezidischen Bücher

Als Folge einer Jahrtausende währenden Verfolgung und der Eroberung ihrer Gebiete durch die islamischen Herrscher im 6. und 7. Jahrhundert nach Christus haben die Yeziden praktisch keine schriftliche Überlieferung. Doch wurden über Jahrtausende mündlich  Gebete und Psalmen überliefert, die trotz Verfolgung und Zwangsislamisierung gut erhalten geblieben sind, was an ein Wunder grenzt.  In  Ritualen und Festabläufen sind weitere Hinweise auf religiöse Inhalte enthalten.

 

Gegenüber den beiden heiligen Bücher der Yeziden, Das Schwarze Buch und das Buch der Offenbarung, gibt es  Vorbehalte. Herkunft, Entstehungszeit und Verfasser sind unbekannt. Inhaltlich gelten sie als nicht besonders bedeutsam. Trotzdem müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen, um vielleicht Ansatzpunkte für die Geschichte der yezidischen Religion zu finden.

 

Die interessanteste Darstellung, die wir in den heiligen Büchern gefunden haben, ist zweifelsohne die Schöpfungs- und Weltgeschichte.

 

Im Schwarzen Buch, in den Kapiteln 16 bis 19, wird die Rolle Tausi-Meleks im göttlichen Plan hervorgehoben. Demzufolge hat Tausi-Melek nur den Befehl seines Herrn ausgeführt und war aktiv an der Weltschöpfung beteiligt. Hier verzichte ich auf die wörtliche Übersetzung der Texte und beschränke mich auf inhaltliche Werte und sinngemäße Übersetzungen. In diesem heiligen Buch spricht man  nicht von irgendeiner  Vertreibung und schon gar nicht von einem in Ungnade Gottes gefallenen Engel, der die Vertreibung Adams aus dem Paradies verursacht hat. Vielmehr betrachtet das Buch die Schöpfung Adams und seine Umsiedlung auf die Erde, um ihn zum Sterblichen zu machen, als Teile des göttlichen Planes, in dem Tausi-Melek die aktive Rolle übernommen hatte, weil Gott ihn damit beauftragt hatte. Der Allmächtige hat sich in diesem Weltplan passiv verhalten. Und er schritt erst ein, als Tausi-Melek ihn vollendete.

 

Das heilige Buch spricht nicht etwa vom Genuss der Früchte aus dem Baum der Erkenntnis, wie es bei allen drei Buchreligionen der Fall ist, sonders vom Genuss der Früchte vom Baum des Weizens  (Getreide). Tausi-Melek soll mit Erlaubnis des Allwissenden Adam dazu bewegt haben, Weizen zu verzehren. Adam soll daraufhin Bauchschmerzen und Blähungen bekommen haben. Er musste seinen Betreuer (Tausi-Melek) bitten, ihn aus seiner Notlage zu befreien. Da das Paradies (Garten Eden) rein war, musste ihn Tausi-Melek auf die für diesen Zweck bereits bewohnbar gemachte und vorbereitete Erde bringen. Er schickte ihm einen Vogel, der ihm mit Hilfe seines Schnabels ein Ausscheidungsloch gemacht haben soll. Weiter wörtlich: Darauf stieg der Herr hernieder auf das heilige Land, er befahl dem Jibrail  (Gabriel) das Herbeischaffen von Erde aus den vier Ecken des Diesseits, und  da brachte der dann Erde und Luft und Feuer und Wasser, und dann erschuf er aus all diesem den ersten Menschen Adam und legte in ihn eine Seele durch seine Macht. Und er befahl dem Jibrail, dass er hineinbringe den Adam ins Paradies und der esse von allen Früchten der Bäume, aber von dem Weizen nicht esse....  Und nach 100 Jahren sagte der Engel Pfau zu Gott: Wie wird es sein, wenn sich vermehre und wachse Adam, und wo ist seine Nachkommenschaft? Es sagte zu ihm Gott: Die Sache und die Durchführung übergebe ich in deine Hand. Und dann kam er und sagte zu Adam: Hast du Weizen gegessen?. Er sagte: Nein, weil Gott es mir verboten hat. Er sagte: Iß; es wird für dich besser sein. Nachdem er gegessen hatte, blähte sich sofort sein Bauch auf, und da trieb ihn hinaus der Engel Pfau aus dem Garten und ließ ihn im Stiche und stieg empor zum Himmel. (...) Und dann fand sich beengt Adam von seinem Bauch her, weil der keinen Ausgang hatte. Und da sandte Gott einen Vogel, und da kam der und pickte ihn und öffnete ihm einen Ausgang, und da bekam er Ruhe...

 

Tausi-Melek in der islamischen Religion

Die erwähnte Schilderung, wonach Tausi-Melek zwar den Befehl Gottes verweigerte, ihn (den Allmächtigen) jedoch an seine Worte erinnerte, Ihr sollt Euch nur vor mir niederwerfen und sonst vor keinem anderen und dafür belohnt wurde, ist auch von Sufis (Moslems) vertreten worden. Sie verteidigten sogar die Weigerung des Bösen, sich dem Adam zu Füßen zu legen und wurden von den Moslems zu Tode verurteilt und hingerichtet. Das prominenteste Opfer solcher Verfolgungen ist Mensur Al-Hallajj (gestorben 921 nach Christi). Er war vermutlich der erste Moslem, der gewagt hatte, die Meinung der Yeziden über den angeblich in Ungnade gefallenen Engel Iblis darzustellen. Im Christentum und im Judentum wird er u.a. als “der Böse” bezeichnet). Er sagte: Iblis (gemeint ist damit der Böse) war einer der Monotheisten (Eingottglaube), ja sogar der Herr der Monotheisten, weil er zu seiner Überzeugung stand und sich vor Adam nicht beugte, obwohl der allmächtige Gott damit gedroht hatte, ihn aus dem Paradies zu vertreiben und zu bestrafen. Trotzdem änderte er seine Meinung nicht.

 

In Tassin Al-Azal Wel-Iltibas  (Seite 41 - 57) schreibt er, wie der Böse sich an Gott hängt und ihm allein gehorcht: Er betonte noch einmal, dass sein Weg (des Bösen) zu Gott führt und er ist ihm (Gott) treu und bleibt ihm treu, weil er das erste Geschöpf ist, das von Gott geschaffen wurde und das ihm und keinem anderen gehorchen bzw. sich unterwerfen wird. Er sagte:

 

Niemand auf den beiden Welten kennt Dich besser als ich, ich habe meinen Willen von Dir, und ich gehorche nur Dir, und ich werde wieder in deine Gnade aufgenommen und wieder meinen alten Platz annehmen, weil Du mich aus Feuer geschaffen hast und das Feuer kehrt zum Feuer. Du hast meine Würdigung. Al-Hallajj sagt weiter: “Iblis vergaß nicht, dass Gott ihnen (den Engeln) gesagt hatte, dass sie niemandem gehorchen durften außer ihm oder sich niemand anderem unterwerfen durften. Als Gott von den Engeln forderte, dem Adam zu gehorchen und sich ihm zu Füßen zu legen, hatte Iblis als einziger dies abgelehnt mit der Begründung, dass er der erste aus Feuer geschaffene Engel sei, während Adam aus der Asche stamme, und weil die beiden Substanzen nichts Gemeinsames hätten. Übrigens habe ihm Gott auch gesagt, sich niemandem zu unterwerfen außer ihm.

 

Dämonisierung und Mystifizierung des yezidischen Glaubens

Die Mystifizierung bis hin zur Dämonisierung des yezidischen Glaubens dürfte zu der Zeit, als die Kurden überwiegend Yeziden waren, gezielt von deren Gegnern eingesetzt worden sein. Die Kurden leisteten, soweit bekannt, den erbittertsten Widerstand gegen die Zwangsislamisierung.  An der Verkehrung der Grundauffassung zur Rolle des Tausi-Melek waren Christen und vor ihnen auch  Juden  beteiligt. Allerdings: Sie bezichtigten die Yeziden zwar der Anbetung des Bösen (Wüstendämon), verfolgten sie jedoch nicht.  Nach der Entstehung des Islams rückten diese drei Religionen enger zusammen. Vor allem Christen und Yeziden waren bei Übergriffen der Moslems aufeinander angewiesen. Im 16. Jahrhundert,  als die Yeziden von den Moslems im Gebiet Botan im heutigen Türkisch-Kurdistan massiv verfolgt wurden, suchten sie Schutz bei den christlichen Aramäern im Tur Abidin in der Provinz Mardin. Die Christen wiederum nahmen den Schutz der Yeziden in Anspruch, als sie 1914 von den Osmanen und ihren Agas (Großgrundbesitzern) verfolgt wurden.

 

Dr. Ing. Abdulmassih Hamra, ein Christ aus Syrien und Ingenieur für Flugplanung und Stadtentwicklung, dessen Großeltern von den Yeziden gerettet wurden, hat in einem von mir geführeten Interview erklärt: “Die Yeziden sind meine zweite Familie; darauf bin ich ganz besonders stolz. Er hält es ebenso wie ich für wahrscheinlich, dass die drei heiligen Könige, Caspar, Melchior und Balthasar aus dem Morgenland, die dem Stern von Bethlehem folgten, um zum Schauplatz der Geburt Christi zu wandern, aus den Reihen der Yeziden stammten. Die Einheimischen des Zweistromlands Mesopotamien haben die Könige als Majjouss (Magier) bezeichnet. Eine der vielen Legenden besagt, dass sie persische Sterndeuter waren. Im Land zwischen Euphrat und Tigris lebten aber die Assyrer, Babylonier, Chaldäer, Aramäer und die Yeziden, jedoch keine Perser. Zur damaligen Zeit wurden die Yeziden auch Majjouss genannt.

 

Pfauen-Symbolik

Auch bei den Yeziden wird durchweg angenommen, dass das Symbol Tausi-Meleks der Pfau (Vogel) ist. Einige Außenstehende glauben, dass die Yeziden diesen Vogel als Gottheit verehren. Andere vermuten, dass die Yeziden sogar einen Engel verehren, der Engel Pfau heißen soll. In der Mythologie der Yeziden spielt die Gestalt des Pfaus zweifelsohne eine wesentliche Rolle. Dieser Vogel symbolisiert aber weder Tausi-Melek noch wird er als Gottheit verehrt. Vielmehr wird er als Symbol des Sonnengottes Schemesch aus der Zeit der alten Völker Mesopotamiens übernommen.

 

In der Entstehungsphase der yezidischen Religion wurde die Sonne als Gottheit verehrt, heute wird die Sonne als das sichtbare Zeichen Gottes im Himmel verehrt. Fast in jedem yezidischen Gebet taucht diese Verehrung und Verherrlichung auf.

 

Wie die alten Ägypter den Adler als Symbol der Sonne genommen haben, haben die Kurden den Vogel Pfau genommen. Vielleicht war seine prächtige Farbenvielfalt ausschlaggebend. Deshalb ist die Bezeichnung Tausi-Melek mit dem arabischen Wort Taouss - so wird der Pfau genannt - nicht zu verwechseln. Tausi-Melek ist der Stellvertreter des Allmächtigen und die einzige Beziehung der Menschen zu Gott.

 

Die Farbenpracht des Pfau hat im übrigen in zahlreichen Traditionen des Nahen und Fernen Ostens ihren Niederschlag gefunden. Der Pfau gehört zu den schönsten Tieren dieser Welt. Er steht für Schönheit und Anmut. Die Tatsache, dass die yezidische Religion durch einen Pfau symbolisiert wird, ist charakteristisch. Besonders im Vergleich mit der Symbolik anderer Religionsgemeinschaften zeigt sich die friedliche und lebensfrohe Einstellung der Yeziden.

 

Religiöse Gebete

In den mündlich überlieferten Gebeten, Psalmen, religiösen Liedern und Lobeshymnen der Yeziden wird  deutlich, dass der Glaube an Tausi-Melek im Mittelpunkt ihrer Religion steht. Vielleicht kann man eines Tages eine schriftlich fixierte Theologie um Tausi-Melek bilden. Das war auch der Wunsch von Prof. Wießner, den er kurz vor seinem Tod mir gegenüber geäußert hatte.

 

Im yezidischen Glaubensbekenntnis heißt es: Sheikh Adi ist barmherzig und gnädig, der Heilige Schekhissin ist unser Beschützer und berühmt, Scheschims (Sonnengott) ist das Licht der Welt, ich nehme meinen Glauben an im Namen Gottes und des von Tausi-Melek .

 

Sheikh Adi ist der Herrscher, Schekhubekir ist mein Schutzherr, Sheshims ist meine Leuchte, ich spreche mein Glaubensbekenntnis im Namen des Herrn und des von Tausi-Melek ...

 

Im Abendgebet heißt es u. a.: O mein Herr, sei uns gnädig dem Gedenken an den Engel Tausi-Melek zuliebe, dem der vierzehn Sphären...

 

Wenn man den Würdenträgern, die diese Psalme und Gebete von Generation zu Generation erstaunlicherweise mit geringen Veränderungen überliefert haben, bei ihren Gebeten genauer zuhört, dann stellt man fest, dass  sie beim Lobpreisen den Herrn (Gott) und Tausi-Melek nicht etwa im Plural (Mehrzahl) - sie sind zwei - aussprechen, sondern im Singular (Einzahl).

 

Man sagt beispielsweise O Allmächtiger und Tausi-Melek, sei uns gnädig..Vielleicht glauben sie daran, dass Tausi-Melek nicht etwa ein Engel Gottes, sondern ein weiterer Name oder weitere Bezeichnung Gottes ist.  In einem anderen Gebet heißt es:

 

Wir beten den Gott an, der Tausend und einen Namen hat. Von diesen 1001 Namen liegt uns einer von ihnen besonders am Herzen, nämlich Xwedê._Der Buchstabe X im Kurdischen entspricht lautmäßig den beiden Konsonanten ch unwie im Wort Buch in der deutschen Schrift. Übrigens stammt diese Bezeichnung aus der Familie der indogermanischen Sprachen. Im Deutschen heißt der Herr Gott, die alten Germanen nannten ihn Godo, die heutigen Holländer Khod (Kh spricht man wie ch im Wort Buch), die Perser und Inder Khoda.

 

Aus dem Gebet Mein Herr

Mein Herr ist gnädig und barmherzig.

 

Er befahl es ,die Erde und deren vier Ecken (Himmelsrichtungen) zu gestalten und zu formen.

 

Mein Herr hat die Weltschöpfung vollendet.

 

Er hat sie mit einer Atmosphäre (Abgrenzung) und einem Laufweg (einer Laufbahn) ausgestattet und die Kinder Adams (die Menschen) darin angesiedelt.

 

Mein Herr ist der Allmächtige im Himmel (das Geheimnis des Himmels).

 

Er ist der Schöpfer des Tages, der Nacht und der Zeit.

 

Alles Gute stammt (kommt) von ihm.

 

Mein Herr ist der Gott der Engel.

 

Er ist der Gott der sieben Engel, durch seine Allmächtigkeit.

 

Er ist der Gott von den sieben Engel, die uns gottesfürchtig machen.

 

Mein Herr hat das Dasein (Erde, Leben) aus der weißen Perle geformt und gestaltet.

 

Übergab es den sieben Engeln für immer und ewig und hat Tausi-Melek zu dessen Führer  (Fürsprecher) gekrönt.

 

Mein Herr ist der Gott Adams.

 

Er ist unendlich gütig.

 

Zu jeder Zeit, in jedem Zeiraum, in jeder Epoche.

 

Yezidisches Fest zu Ehren Tausi-Meleks

 

Die Yeziden haben keinen Propheten. Sie bezeichnen jedoch Sheikh Adi als Wegweiser oder Reformer ihrer über 4 000 Jahre alten Religion.

 

Die Yeziden feiern das Neujahrfest  (Sersal) zu Ehren von Tausi-Melek. Dieses Fest findet nicht  wie das Newroz-Fest etwa am 21. März, sondern am ersten Mittwoch im Monat April nach kurdischer Zeitrechnung statt. Das ist ungefähr Mitte April nach christlicher Zeitrechnung. Dieses Fest wird auch roter Mittwoch genannt.

 

Am ersten Mittwoch im April, so glauben die Yeziden, hat Gott, der Allmächtige, dem Engel Tausi-Melek den Auftrag gegeben, die Erde zu schaffen und sie für die Lebewesen, Tiere, Menschen und Pflanzen, bewohnbar zu machen. Alljährlich kommt Tausi-Melek an diesem Tag zur Erde, um denjenigen Menschen, die an ihn glauben und ihn verehren, Gesundheit, Schutz und Wohlstand zu geben. Aus diesen Gründen ist der Monat April bei den Yeziden ein heiliger Monat.

 

In diesem Monat darf kein Haus gebaut und keine Hochzeit gefeiert werden. Man nennt den Monat April Die Braut des Jahres (kurdisch: Bûka Salê).

 

Zusammenfassung

Die yezidische Religion kennt - anders als der Islam und das Christentum - nicht die Vorstellung von einem Widersacher gegenüber dem göttlichen Willen. Die Vorstellung der Existenz einer bösen Kraft ist bei den Yeziden nicht vorhanden. Vielmehr ist Gott einzig, allmächtig und allwissend.

 

Nach yezidischer Vorstellung kann keine zweite Kraft neben Gott existieren, die ohne sein Dazutun etwas verrichten kann.

 

Die Aussprache des Wortes des Bösen wäre gleichbedeutend mit der Akzeptanz der Existenz dieser bösen Kraft und stellt eine Gotteslästerung dar. Der Begriff wird von Yeziden daher nicht ausgesprochen, er fehlt auch in dieser Darstellung. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Yeziden keine Paradies-Höllen-Theorie haben. Yeziden glauben an Seelenwanderung (kurdisch: kirasguhertin, Wiedergeburt).

 

Der Mensch ist in erster Linie selbst verantwortlich für sein Wirken. Aus yezidischer Sicht hat  Gott  dem Menschen die Möglichkeit gegeben, zu sehen, zu hören und zu denken. Er hat ihm den Verstand gegeben und damit die Möglichkeit, für sich den richtigen Weg zu gehen.

 

So symbolisiert Tausi-Melek in der yezidischen Theologie nicht das Böse und ist auch kein in Ungnade gefallener Engel. Aufgrund der Weigerung, Adam anzubeten, steht er für die Anerkennung der Allmacht Gottes. Er wurde von Gott zum obersten der sieben Engel erkoren und steht somit im Mittelpunkt des yezidischen Glaubens.

 

Nach der Schöpfungsgeschichte der Yeziden  ist Tausi_-Melek an der gesamten Schöpfung, an dem göttlichen Plan aktiv beteiligt. Folglich verkörpert Tausi-Melek nicht den Widerpart in einem dualen Weltbild, sondern ist der Beweis für die Einzigartigkeit Gottes.

 

Kontakt

Dipl. Geologe
Chaukeddin Issa

 

Homepage: www.yezidi.org
E-Mail: issa@yezidi.org


 

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