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Die Qewals - Das Gedächtnis des Yezidentums



Qewals bei einer religiösen Zeremonie in Lalish - Foto: Dr. Khalil J. Rashow

Dr. Khalil J. Rashow

 

Aufgaben und Funktion der Qewals
Die Aufgabe der Qewals besteht darin, die Qewls (religiösen Gedichte, Erzählungen und Lobhymnen) und die Di‘a (Gebete) auswendig zu lernen und an die Yeziden weiterzugeben. Bedenkt man, daß die Vermittlung des Yezidentums weitestgehend mündlich erfolgt, so kann man die Qewals als religiöses Gedächtnis der Yeziden bezeichnen. Mit ihren Vorträgen in Lalish, dem Religionszentrum der Yeziden, und auf ihren Reisen zu yezidischen Siedlungen, erinnern sie die Yeziden an ihre religiöse Identität und Verpflichtungen. Da sie die Träger der heiligen yezidischen Texte sind, genießen sie bei den Yeziden einen hohen Respekt. Selbst größere Streitigkeiten können die Qewals meistens erfolgreich schlichten. Damit übernehmen sie neben ihrer religiösen Funktion, nämlich die religiösen Lehren zu bewahren und zu vermitteln, eine sehr wichtige soziale Funktion. Die Qewals sind für Yeziden, deren Siedlungsgebiete weit entfernt vom religiösen Zentrum liegen, wie die Yeziden aus Syrien und früher auch aus der Türkei, eine wichtige Schnittstelle und Informationsquelle ihrer Religion. Bei ihren Besuchen nehmen die Qewals freiwillige Abgaben entgegen, die für die heiligen Stätten und dasweltlichen Oberhaupt (Mir) bestimmt sind. Die Qewals werden ebenfalls anteilig bedacht.

Die Herkunft des Wortes Qewal
Während bis vor kurzer Zeit noch angenommen wurde, daß das Wort Qewal aus dem Arabischen von qale-qewl (Person, die etwas erzählt) abstammt, zeigen einige neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Sprachvergleiche auf, daß die Abstammung im sumerischen Wort Kalo zu identifizieren ist. Im Sumerischen bezeichnet Kalo einen Religiösen mit weisem Charakter. Unterstützt wird diese These durch die Tatsache, daß die Yeziden aus dem Sinjar-Gebiet (Shengal, Nord-Irak) noch heute das Wort Kalo als Synonym für das Wort Qewal verwenden.

Der Ursprung der Qewals
Der Ursprung der Qewals geht auf den yezidischen Reformator Sheikh-Adi (1074-1162) zurück. Deshalb bezeichnet man die Qewals auch häufig als Qewals von Sheikh-Adi. Das gleiche trifft im übrigen auch für die Fakire (yezidische Geistliche, die den weltlichen Dingen abgesagt haben) zu.

Ursprünglich stammen die Qewals nur vom Stamm der Hekari und Dimilî ab. Die Zugehörigkeit zu der Gruppe der Qewals kann nicht erworben werden, sondern ist exklusiv, d.h. aufgrund der Abstammung von Qewal-Eltern. Nach meinen Forschungen, die sich auch mit den Informationen von Qewal Sivo, dem Sohn des jetzigen Oberhauptes der Gruppe der Qewals, decken, wurde in der Geschichte der Yeziden einmal von dieser Regel abgewichen. Im Jahre 1834, der Zeit der Yeziden-Pogrome des moslemischen Kurdenführer Mir Mihemedê Rewanduzî, auch Mirê Kor genannt, gegen die Yeziden wurde die Zahl der Qewals erheblich reduziert. Aus diesem Grunde wurde ein yezidischer Gelehrter namens Baso vom Stamm der Mamûsî zum Qewal ernannt. Die Übertragung der Qewal-Würde erstreckte sich auch auf seine Familienmitglieder.

Die Qewals besiedelten ursprünglich zwei Dörfer im Nord-Irak: Die Qewals vom Stamm der Dimilî bewohnten das Dorf Bahzani, die Qewals vom Stamm der Hekari bewohnten das Dorf Bashik. Hinzu kommt der Unterschied, daß die Dimilî-Qewals als Schutzpatron (Khudan) Nasirdin (Nasirdîn), die Hekari-Qewals Sheikh-Sin (Sêxisn) haben.

Die religiöse Unterweisung der Qewals
Vor ca. 70 - 80 Jahren gab es im Dorf Bahzani eine Religionsschule für Qewals. Hier wurden die Kinder der Qewals in den Qewls, den Gebeten (Beyt und Di‘a) und dem Gebrauch der Musikinstrumente Def (große Tamburin) und Shibab (Flötenart) unterwiesen. Nach dem Tod des großen Qewal-Gelehrten Iso wurde die Schule auf Anweisung des damaligen Mir (Bezeichnung für das weltliche Oberhaupt der Yeziden) geschlossen. Die religiöse Unterweisung erfolgt nunmehr auf regelmäßigen Sitzungen, bei denen die älteren und ausgebildeten Qewals die jungen Qewals unterrichten.

Voraussetzungen für die Ausübung des Qewal-Amtes
Nicht jeder Yezide aus der Gruppe der Qewals ist automatisch berechtigt das Qewal-Amt auszuüben. Für das Erlangen dieser besonderen Würde muß er mindestens die drei folgenden Bedingungen erfüllen:

1) Umfassende Kenntnisse der yezidischen Lehre und der heiligen Texte
2) Redegewandtheit und eine klangvolle Stimme
3) Uneingeschränkte Beherrschung der Musikinstrumente Def und Shibab

Besonders schwierig ist das Erlernen der Begleitmelodien der Qewls, da jedes Qewl eine spezielle Melodie erfordert. Nachdem ein Schüler die Musik beherrscht, wird er an die religiösen Texte herangeführt. Als ausgebildeter Qewal muß er die wichtigsten religiösen Erzählungen und Gedichte auswendig rezitieren können.

Da die heiligen Texte der Yeziden sehr umfangreich sind, werden die religiösen Inhalte in nachstehender Reihenfolge gelehrt:

1) Di´a (Gebete)
2) Heilige Erzählungen und Gebete, die sich mit dem Tod auseinandersetzen.
3) Die nachfolgenden Beyts (Text in Gedichteform, der sich mit den Pflichten und der Verantwortung der Gemein- schaft beschäftigt), Beyta Cindi (Lied über den Barm- herzigen), Beyta Sibê (Mor- gen-), Beyta Êvarê (Abend- gebet)
4) Sieben religiöse Texte für die in Lalish abgehaltene Zere- monie Sema (eine Art religiö- ses Theaterstück, das sich mit dem Gebet und der Vereh- rung der sieben Engel für Gott beschäftigt und von den reli- giösen Instrumenten Def (große Tamburine) und Shi- bab (eine Flötenart) beglei- tet wird)
5) Die Melodie der heiligen Texte
6) Wenn der Schüler die Punkte 1-5 beherrscht, wird er in Mishabet geschult. Bei der Mishabet lernt der Qewalmit mit dem bewußten Vortragen von Auszügen einer religiösen Erzählung und deren Interpretation Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu geben. Mishabet ist die Vollendung der Qewal-Kunst.

Hierarchie der Qewals

Oberhaupt der Qewals - Mezinê Qewalan

Er ist der uneingeschränkte Führer und Wegweiser der Qewals und verantwortlich für die religiöse Erziehung und Koordination der Qewals. Er ist zugleich Mitglied des Religiösen Rates. Das Oberhaupt der Qewals muß vom Stamm der Dimilî sein und residiert im Dorf Bahzani.

Begê Sinceqan - Verwalter der Sinjeq
Qewals, die über herausragende Kenntnisse der heiligen Texte verfügen, wird der Titel Bege Sinceqe (Verwalter der heiligen Ta´us-Symbole) verliehen. Dieser Titel ist nach dem Amt des Oberhauptes die höchste Auszeichnung, die ein Qewal erreichen kann. Als Seyda (Religionslehrer) unterrichtet er die Qewals. Er kann sowohl vom Stamm der Hekari als auch der Dimilî sein. Seine wichtigste Aufgabe ist , bei den Ta´us-Wanderungen dabei zu sein. Er vertritt die Schutzpatrone Sheikh-Sin (Sêxisn) und Sheikh-Shims (Sêþims). Bei den Ta´us-Wanderungen nimmt er die höchste Stellung ein. Selbst der Mir als weltliches und der Baba Sheikh als religiöses Oberhaupt sind bei diesem Ritual dem Begê Sinceqan untergeordnet.

Serhosta
Bei den Ta´us-Wanderungen rezitiert er die Qewls und spielt dazu Tamburin und achtet darauf, daß die übrigen Qewals die Musik richtig spielen.

Nûfer
Hiermit bezeichnet man einen in Ausbildung befindlichen Qewal.
Religiöse Handlungen der Qewals
In Lalish

Bei allen Feierlichkeiten und religiösen Anlässen in Lalish sind Qewals anwesend und nehmen eine wichtige Funktion ein. Dabei verfahren die Qewals wie folgt: Vor Sonnenaufgang wird das religiöse Lied Beyta Jindi (Beyta Cindî) in Begleitung des Def und Shibab gespielt. Sie fordern die Yeziden auf aufzuwachen und rufen zum Gebet auf. Mit Sonnenaufgang singen die Qewals das morgendliche Beyt (Di‘a Sibê). Anschließend wird ein religiöser Marsch gespielt.

Bevor das Simat (religiöses Essen aus Getreide), das in der Küche Sheikh-Adi´s gefertigt wurde, im Hofe Sheikh-Adis gegessen wird, spielt ein Qewal mit der Shibab eine kurze Melodie. Vor Sonnenuntergang wird das abendliche Gebet (Beyta Êvarê) verrichtet. Es kommt auch vor, daß andere heilige Texte gesungen werden.

Am Abend, wenn die Yeziden sich sammeln, beginnt der Begê Sinceqan mit dem Mishabet. Nach dem Mishabet wird das religiöse Theaterstück Sema mit der musiklischen Begleitung der Qewals aufgeführt. Bei dieser religiösen Zeremonie sind die bedeutendsten religiösen Würdenträgern anwesend, wie der Baba Sheikh und der Peshimam. Sieben dieser Würdenträger spielen die Rolle der Engel, die zu Ehren Gottes drei Runden um ein Feuer kreisen. Anschließend wird wieder Simat gereicht. Die bei dieser Aufführung vorkommenden sieben Engel werden von den Würdenträgern gespielt.

Ta´us-Wanderungen
Jährlich bereisen die Qewals die yezidischen Dörfer. Auf Ihrer Reise nehmen sie eine Bronzestatue (Sinjak) mit, die Ta´usi-Melek symbolisiert. Die Statue wird in einem Zimmer aufgestellt. Die Qewals tragen religiöse Texte vor. Die Yeziden küssen die Statue. Die Qewals verteilen Berat (runde weiße Kugel, die aus der heiligen Erde von Lalish geformt wurde) und geben den Yeziden einen Schluck vom Wasser von der heiligen Weißen Quelle (Kaniya Sipî) aus Lalish. Nach Abschluß dieses Rituals zahlen die Yeziden freiwillige Abgaben an die Qewals.

Sterbefeierlichkeiten
Zu den Sterbefeierlichkeiten singen die Qewals das religiöses Lied Qewlê Seremergê, das sich mit dem Leben, dem Tod und dem Leben nach dem Tod befaßt.

Religiöse Tänze
Zu den speziellen religiösen Tänzen vor der Weißen Quelle in Lalish, auf der Brücke der Gütigkeit (Pira Marîfetê), den Jumaiya-Feierlichkeiten zu Ehren Sheikh-Adi´s (Kabax) und bei den Ta´us-Wanderungen spielen sie Def und Shibab.


Übersetzung aus dem Kurdischen von T. Tolan und C. Issa.


 

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