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Yezid Ibn Mu´awiya und die Yeziden



Yezidischer Friedhof bei Xanik, ein Dorf in kuridisch-Irak - Foto: G. Prieß

Chaukeddin Issa

 

Es ist traurig und zugleich beschämend, daß einige Angehörige der yezidischen Religion immer noch darum bemüht sind, unsere Identität und Herkunft zu hinterfragen. Mit dieser Kritik ziele ich insbesondere auf den Personenkreis der sogenannten Intellektuellen ab. Mißt man diese Personen an ihrem selbsternannten Anspruch, nämlich die Retter der yezidischen Gesellschaft zu sein, und betrachtet ihren tatsächlich geleisteten Beitrag zur Problembewältigung, so halte ich meine, wenn auch harte Kritik, für berechtigt. Für meine Begriffe ist dieser Personenkreis der Yeziden dieser Aufgabe allein nicht gewachsen, ganz im Gegenteil: Es waren die Schein-Intellektuellen, die den Außenstehenden, den Nicht-Yeziden, den Nährboden für die fruchtlosen Diskussionen der letzten zehn Jahre geliefert haben.

 

Diese Diskussionen implezierten, dem Yezidentum und dessen Wurzeln in Frage zu stellen und die Werte der yezidischen Religion neu zu definieren. Allein dieser Aspekt spiegelt sehr schön wider, wie wir es uns selbst schwer machen, die einfachsten Wahrheiten unserer Religion zu erkennen. In diesem Zusammenhang fällt besonders negativ ins Gewicht, daß wir uns von Kräften leiten lassen, die keine Experten auf dem Gebiet des Yezidentums sind.

 

Ein sehr gutes Beispiel für meine vorgenannten Erkenntnisse ist die entbrannte Diskussion über die Verbindung und den Zusammenhang der yezidischen Religion zur zarathustrischen, welche nur eine pure politische Diskussion war und damit den religionsgeschichtlichen Fakten völlig fremd. Obwohl sich zahlreiche kurdische und nichtkurdische Religionswissenschaftler zu diesem Thema äußerten und in ihren Ausführungen die erhoffte Wahrheit über diese in Kurdistan und im Iran beheimateten Religionen ans Tageslicht gebracht hatten - erwähnt z.B. sei der international anerkannte Religionswissenschaftler und Orientalist Dr. Jamal Nebez - hören wir immer noch Stimmen aus den eigenen Reihen, die behaupten, handfeste Beweise für ihre Thesen, daß es sich um eine und dieselbe Religion handele, liefern zu können. Mittlerweile wurden viele Mißverständnisse aus dem Weg geräumt. Nach der Veröffentlichung meines Beitrages zu diesem Thema in der 4. Ausgabe der Zeitschrift DÊ haben viele Yeziden erkannt, daß hier ein mächtiger Irrtum vorlag. Dr. Pir Memo Othman, ein Religionswissenschaftler und Würdenträger der yezidischen Religion, ergänzt das Thema mit den drei folgenden Bemerkungen:

 

1)

Während das Leben in der yezidischen Religion durch die Inkarnation (Wiedergeburt) kreisförmig ist, fängt das Leben im zarathustrischen Glauben bei einem Punkt an und geht bzw. läuft horizontal zur Unendlichkeit.

 

2)

Die Tiere nehmen im yezidischen Glauben eine heilige Stellung oder einen heiligen Platz ein. Als Beispiele werden hier die Schlange, der Skorpion und der Bulle erwähnt. Der Bulle wird im yezidischen Glauben dem Sonnengott geopfert und geschlachtet. Im zarathustrischen Glauben darf der Bulle nicht getötet werden. Siehe das heilige Buch der Zarathustrier Avesta, Yassna 32. Quelle: Moulton, James H.; Early zoroastrianism the origins; the prophet, the Magi; Amsterdam; philo Press 1972

 

3)

Während es sich bei der zarathustrischen Religion um eine dualistische Religion handelt, ist der Yezidentum eine Eingott-Religion. Siehe das Buch Mithra und Ahiraman, Seite 72, von Prof. Dr. Philip Kreyenbroek

 

Ziele des Beitrages

Mit meinem Beitrag werde ich vielen keinen Gefallen tun, aber er ist von enorm großer Bedeutung und unterscheidet sich übrigens mächtig von der erstgenannten Diskussion über das Dreiecksverhältnis Yezidentum-Zarathustrismus-Kurdentum. Zum einen klärt dieser Beitrag die angebliche Verbindung der yezidischen Religion und deren Entstehung mit dem umajjadischen Kalifen Yezid Ibn Mu´awiya. Andererseits möchte ich der Welt durch meinen Beitrag zeigen, daß es sich bei der yezidischen Religion keineswegs um eine islamische Sekte handelt, als die sie des öfteren von den islamischen Historikern, Arabern, Türken und Persern gleichermaßen - in ihren zum größten Teil von den Regimen in den jeweiligen Ländern bezahlten und unterstützten Werken - eingestuft wurde.

 

Die Behauptung dieser Kreise, die Yeziden seien die Nachfahren des umajjadischen Kalifen Yezid Ibn Mu‘awiya, entbehrt jeglicher Grundlage. Die Yeziden haben weder einen Propheten noch einen Erlöser. Ihre Religion ist eine reine Engelsreligion. Sie verehren einen Engel, den sie Ta´usi-Melek nennen. Dieser Engel steht im Mittelpunkt ihres Glaubens. Nicht einmal der legendäre Reformer der yezidischen Religion, Sheikh Adi (1060 n. Chr.), wird als Prophet oder Erlöser betrachtet, obwohl seine Reformen, vor allem sein bis heute unantastbares pyramidisches System, genauestens eingehalten werden. Er wird nur als Wegweiser und Retter der damals vom Untergang bedrohten yezidischen Religion verehrt.

 

 

Yezid Ibn Mu´awiya

Wer war eigentlich dieser Yezid Ibn Mu´awiya? Was verbindet uns mit ihm tatsächlich? Er wird von vielen irrtümlicherweise als Gründer des Yezidentums angesehen. Gibt es überhaupt eine Stammesverwandtschaft? Aus dem Stammbaum geht hervor, daß Yezid Ibn Mu‘awiya der Sohn des Mu‘awiya Ibn Abi Sufyan und seiner Frau Meyssoun Bint Bahdal El-Kalbi ist. Sein Vater, Mu‘awiya Ibn Abi Sufyan Sakhir Ibn Harb Ibn Umajja Ibn Abed Schemis Ibn Abed Menaf, tritt unmittelbar nach der Eroberung Mekkas durch die islamischen Armeen, die dem Propheten unterstanden, zum Islam über. Der Prophet überträgt ihm und seinen Familienmitgliedern zahlreiche Staatsämter und heiratet sogar seine Schwester Um Habiba. Während der Ära Abu Bakirs, dem ersten Nachfolger des Propheten, kommt es zu den sogenannten El-Ridda-Kriegen.

 

Als El-Ridda wurden diejenigen Menschen bezeichnet, die zwar den islamischen Glauben angenommen hatten, aber nach einer gewissen Zeit den Islam verlassen wollten. Als Omar Ibn Khattab zum Nachfolger gekrönt wurde, übertrug er Mu‘awiya die Herrschaft über Bilad El-Sham (Großsyrien) im Jahre 637 n.Chr.

 

Die umajjadische Dynastie unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den anderen islamischen Herrscherhäusern: Während der umajjadischen Herrschaft hat der arabisch-islamische Staat einen für die damalige Zeit einmaligen Fortschritt in allen Lebensbereichen getan. Man kann von einer Blütezeit des Arabismus sprechen.

 

Dieser Erfolg wurde durch die Toleranz und Akzeptanz der umajjadischen Familie gegenüber nichtislamischen Völkern, ethnischen und religiösen Minderheiten begünstigt.

 

Damaskus stand vor der islamischen Eroberung unter byzantinischer Herrschaft. Der neue Herrscher Mu‘awiya profitierte von den Erfahrungen der byzantinischen Staatsbeamten.

 

Unzählige arabische und nichtarabische Orientalisten bestätigen die friedliche Koexistenz aller Völker und Religionen in diesem umajjadischen Staat. Das Volk von Damaskus war an das friedliche Zusammenleben von Christen und Nichtchristen gewöhnt. Als die arabischen Eroberer unter islamischer Fahne das Land eroberten, setzten sie die für den damaligen islamischen Machtbereich einmalig-existierenden Verhältnisse fort.

 

Dr. Muhammad Abed El-Jabiri macht in der zweiten Ausgabe seines Buches El-Aqil El-Siyassi El-Arabi, erschienen in Beirut im Jahre 1992, auf der Seite 237 folgende Bemerkungen: "Bei der Besetzung wichtiger Positionen im islamisch-umajjadischen Staat haben die Machthaber die Angehörigen anderer Religionen und nichtarabischen Minderheiten gegenüber arabischen Beamten bevorzugt. Ihrer Meinung nach waren diese Menschen zuverlässiger und vertrauenswürdiger als die arabischen Beamten".

 

Allmählich entstand eine Rivalität zwischen der umajjadischen Familie in Damaskus und den Ahil-El-Beyt-Angehörigen, also den Angehörigen des Propheten des Islams, die sich damals in der Person des Ali Ibn Abi Talib und seiner Söhne Hassan und Hussein präsentierten, und wirkte sich negativ auf die Verbreitung des Islams im Norden und Osten Arabiens aus und schwächte die Macht der Araber in der gesamten Region. Diese Rivalität entbrannte mit der Ermordung eines Nachfolgers des Propheten, nämlich dem gewaltsamen und heimtückischen Tod des Kalifen Othman Ibn Affan, der der umajjadischen Familie nahe stand. Obwohl die Ahil-El-Beyt mit dem Tod des Kalifen nichts zu tun hatten, wurde seine Ermordung von beiden Seiten zum Anlaß genommen, die Macht im Wege legitimer Sukzession an sich zu reißen. So erhob die umajjadische Familie mit ihrem Machtzentrum in Damaskus/Syrien zuerst ihren Anspruch auf die Nachfolge und damit auf die Macht in der gesamten islamischen Welt. Der Forderung wurde jedoch seitens der Angehörigen des Propheten nicht nachgegeben. Es herrschten ungeklärte bzw. verworrene Machtverhältnisse, die u.a. zu folgender Streitfrage führten: Wer ist eigentlich der legitime Nachfolger des Propheten Muhammads?

 

Erstes prominentes Opfer dieses Führungskampfes wurde der letzte Nachfolger des Propheten, nämlich Ali Ibn Abi Talib, Schwiegersohn und Vetter des Propheten in einer Person. Jede von den inzwischen bis auf den Tod verfeindeten Familien versuchte, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Gegner zu entmachten und die eigene Macht zu festigen. Um dieses Ziel erreichen zu können, haben sie Verbündete gesucht.

 

Diese waren meistens die benachbarten Völker, oft ethnische bzw. religiösen Minderheiten. Diese Bundesgenossen waren entweder diejenigen Menschen, die zwangsislamisiert worden waren und damit nur Haß auf den Islam empfanden oder Angehörige ethnischer Minderheiten, die einen verzweifelten Überlebenskampf gegen die Zwangsislamisierung führten. Auch unter den ethnisch-religiösen Minderheiten, die unter der Herrschaft der Ali-Familie und später unter der Dynastie der Abbassiden lebten, herrschte Unzufriedenheit. Sie wurden mit Abgaben und Repressalien unter Druck gesetzt. Deshalb liefen sie in die Arme der umajjadischen Familie, weil sie dort besser behandelt wurden. Im gleichen Buch des arabischen Historikers Dr. Muhammad Abed El-Jabiri liest man auf der Seite 316 folgendes: "Wir wollen die Umajjaden keineswegs in Schutz nehmen oder gar ihr mildes und von Akzeptanz und Toleranz geprägtes Verhalten gegenüber andersgläubigen, nichtmoslemischen Menschen verteidigen. An einer Tatsache können wir nichts ändern: Daß die Umajjaden die durch die islamischen Eroberungen entstandene Situation nur dadurch bewältigen konnten und Herr der Lage in ihrem Staat werden konnten, indem sie die Anhänger anderer Religionen und ethnische Minderheiten in die islamische Gesellschaft aufnahmen und ihnen die Bürgerrechte in diesem islamischen Staat verliehen. Sie wurden nahezu gleichgestellt mit den moslemischen Bürgern.

 

Diese Volksgruppen waren in Faris (Persien) und in den Regionen hinter den Großströmen - Euphrat und Tigres - beheimatet. Diese nichtarabischen Volksgruppen haben sich dem Islam nur politisch unterworfen. Ihr Wissensstand und ihre sozialen Verhältnisse hinderten sie daran, die islamischen Pflichten zu erfüllen und ein islamisches Leben zu führen oder sich dem Islam hinzugeben. Diese Minderheiten waren die Anhänger nichtislamischer Religionen, wie die El-Mejjouss (Feuer- und Sonnenanbeter), Manichäer, Christen, Juden und Heiden. Nur so konnte man sie an den arabisch-islamischen Staat binden. Sie wurden sogar vo der Zahlung des islamischen Giziyas (Tributs) befreit, auch nach der Eroberung ihrer Gebiete durch die islamischen Armeen. Die Umajjaden haben diese außergewöhnlichen Maßnahmen damit begründet, daß der Islam die Herzen dieser Menschen nicht erobern könne und daher ihr Bekenntnis zum Islam nur oberflächlich und äußerlich, also nicht tiefwurzelnd sei. Mit anderen Worten: Sie wurden nie Muslime."

 

Nach der Ermordung des letzten Nachfolgers des Kalifen Ali Ibn Abi Talib, nahm sein Sohn Hussein den Kampf gegen die Beni Umajja und deren Thronfolger Yezid auf. Muslime im Irak sahen in der Person Hussein den legitimen Nachfolger des Propheten. Er ist der Sohn des letzten Kalifen und das Enkelkind des Propheten Muhammads. Das Volk im Irak ermutigte ihn, die Macht und Herrschaft über alle Muslime für sich zu beanspruchen. Doch wie zahlreiche islamisch-arabische Historiker und Islam-Experten betonen, war auf die Iraker kein Verlaß. Des öfteren wechselten sie die Fronten und ließen in den meisten Fällen den gerechten Kalifen Ali im Stich.

 

Die Übertragung der Macht von Mu‘awiya auf seinen Sohn Yezid, für den viele nur Haß empfanden, löste Empörung und Unzufriedenheit in der arabischen Welt aus.

 

Viele bevorzugten die Wahl des Nachfolgers von Mu‘awiya durch den islamischen Rat (Gremium). Diese Methode war auch üblich in der islamischen Hierarchie. Dem Yezid wurde angelastet, daß ihm der Genuß von alkoholischen Getränken, Musik und Frauen viel wichtiger war als die Werte des Islams und die Wahrnehmung der Kalifenwürde. Man sagte ihm sogar nach, daß er der Erfinder der Laute (ein Musikinstrument, das von Kurden Tembûr genannt wird) sei.

 

Die Laute wird von manchen Yeziden heute noch als "Saza Siltan Êzîd" bezeichnet und der Genuß von Anis-Schnaps "Kasa Êzîd"- zu deutsch: die edlen Tropfen des Yezids. Yezid gewährte nicht nur den Anhängern der Buchreligionen viele Freiheiten, sondern auch den kurdischen Anhängern der altertümlichen yezidischen Religion. Bekanntlich gehörte die überwiegende Mehrheit der Kurden der yezidischen Religion an, bevor ihre angestammte Heimat von den islamischen Armeen besetzt wurde.

 

Die Zwangsislamisierung wurde zügig vorangetrieben. Und wer es wagte, sich dem Islam zu widersetzen, wurde gnadenlos getötet. Yezid verstand es wie keinanderer, die in bitterer Armut lebenden Minderheiten gegen seine Gegner zu mobilisieren. Er trat halt gegen den konservativen Islam auf und zeigte mehr Toleranz gegenüber den betroffenen Minderheiten. Er gewährte allen unter der Herrschaft der umajjadischen Dynastie lebenden religiösen Minderheiten volle und uneingeschränkte religiöse Freiheiten. Dieser Zustand führte zu einer für die damalige islamische Welt ungewöhnlichen Harmonie zwischen den Machthabern in Damaskus und den Yeziden-Kurden, die dadurch schlagartig zu Verbündeten der umajjadischen Familie wurden, gegen die konkurrierenden Angehörigen des Propheten. Jede Seite versuchte auf ihre Art, Verbündete und Anhänger zu finden. Der in der islamischen Welt unbeliebte und in Verruf geratene Yezid erntete keine Gegenliebe bei den arabischen Muslimen, vor allem aus dem Irak. Denn viele sahen ihn als machtunfähig an und bewerteten sein allgemeines Verhalten als nichtislamisch.

 

Ob seine Toleranz gegenüber den yezidischen Kurden oder auch andere Faktoren die entscheidende Rolle bei dem Zuspruch durch die yezidischen Kurden gespielt hatte, weiß gewiß niemand. Es wird zumindest von manchen Kurden behauptet, daß seine Mutter Meyssoun kurdischer Abstammung ist. Vielleicht beherrschte er sogar die kurdische Sprache. Ansonsten, wie sind die Lobgesänge über ihn und seine übernatürlichen Fähigkeiten zu erklären?

 

Die Yeziden glauben, daß Yezid ibn Mu´awiya vom Geist Ta´usi-Melek beseelt wurde, deshalb hat er sie vor der Zwangsislamisierung gerettet.

 

Die Yeziden betrachten ihn als Retter ihrer yezidischen Religion. Dafür sprechen viele Indizien. In den Pslamen der Yeziden wird dem Yezid übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben.

 

Das traditionelle, mündlich überlieferte und bis heute gern gesungene kurdische Lied "Qadî Þero" ist nichts anderes als die Beschreibung der übernatürlichen Kräfte und Fähigkeiten Yezids.

 

Das Lied beschreibt das Kräftemessen - göttlicher Fähigkeiten versteht sich - und die Wortschlacht zwischen Sultan Yezid und dem damaligen religiösen Oberrichter von Damaskus. Das Wort Qadi oder Qazi bedeutet etwa Richter (Kadi) und Schero stammt aus dem arabisch-kurdischen Scharia - das islamische Gesetz.

 

Die damalige islamische Welt war in zwei Lager gespalten. Davor blieben auch die religiösen Minderheiten nicht verschont. Um überleben zu können, mußten sie sogar Partei ergreifen, und man lief selbstverständlich in die Arme des Toleranteren.

 

Der Yeziden-Religionsreformer Sheikh Adi (1060 n. Chr.) äußerte sich auch positiv über Yezid Ibn Mu‘awiya und bezeichnete ihn als den tolerantesten Moslemführer nach der Ära des Propheten. Die Sympathien seitens der islamischen Führer und Gelehrten gegenüber den ethnischen und religiösen Minderheiten waren in der Geschichte zahlreich. Der Soufi - Soufis sind streng religiöse Menschen, die nur in Frömmigkeit und Enthaltsamkeit leben -, Hussein El-Hallajj, verteidigte schon früher die yezidische Theorie des Ta´usi-Melek. Bekanntlich existiert diese Theorie nur bei den Yeziden. Es sei dabei erwähnt, daß dieser Soufi ein muslimischer Islam-Gelehrter war. Er bezahlte sein Verhalten und seine Meinung mit dem Leben. Er wurde von einem islamischen Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Diese Symbiose zwischen Muslim-Führern und der kleinen Minderheit der Yeziden kann man bis in die jüngste Geschichte zurückverfolgen. Mitte des 18.Jahrhunderts konnte der legendäre kurdisch-muslimische Stammesfürst Zor Temir Pascha El-Milli alle kurdischen Stämme, auch die Yeziden, unter seinem Banner vereinigen. Einer seiner populärsten Krieger yezidischer Abstammung war Derwesch Avdi (Dewrêþê Evdî).

 

Ein weiterer Fall von fruchtbarem Zusammenwirken beider Religionsangehörigen stammt aus den zwanziger Jahren: Der Stamm der Heverkan (Hevêrkî), dem Yeziden, Christen und Muslime angehören, wurde von einem muslimischen Stammesfürsten namens Hajo geführt - siehe Ausgabe 5 der Dengê Êzîdiyan, Jg. 1996.

 

Alle diese Beispiele zeigen, daß die Yeziden auch Schutzpatrone und Protektionen gegen die Zwangsislamisierung hatten. Auch Nebukatnasser, ein babylonisch-assyrischer König, wurde in den heiligen Schriften der Yeziden - im Schwarzen Buch- als ein Führer, Beschützer und König erwähnt.

 

Mit Beendigung der Ära des letzten umajjadischen Kalifen Merwan Muhammad Merwan im Jahre 750 n.Chr. war, wie gesagt, der Zerfall der ummajjadischen Dynastie besiegelt. Dem Abu Abbass in Bagdad wurde die Kalifenwürde übertragen.

 

Nach dem Zerbrechen der umajjadischen Hierarchie nahm die Zwangsislamisierung der Yeziden-Kurden auch an Härte und Intensität zu. Dieser Zustand dauerte solange an, bis der kurdisch-muslimische Sheikh Abdulkadir Geylani (ein Zeitgenosse des yezidischen Sheikh Adi´s) die islamische Schule (El-Medressa) im Irak gründete und die Verfolgung der Yeziden verbot. Er hatte die Hoffnung geäußert, daß die Yeziden ohne Zwang und Blutvergießen zum Islam kommen würden. Jedenfalls herrschte auf diese Weise lange Zeit Frieden und Ruhe. Auch diese Tatsache wird in dem Psalm "Qewlê Þîxadî" festgehalten. Die Freundschaft zwischen dem islamischen Sheikh Abdulkadir Geylani und dem yezidischen Sheikh Adi ist historisch belegt.

 

Es ist bedauerlich, daß gewisse Kreise in der Türkei und der arabischen Welt versuchen, einen Keil zwischen die Angehörigen verschiedener Religionen und Konfessionen zu treiben, um sie besser kontrollieren zu können. Als Beispiel nenne ich hier die Behauptung, die Yeziden seien für den Tod der Söhne Alis, Hassan und Hussein, verantwortlich.

 

Dazu ist folgendes klarzustellen: Der damalige Statthalter von Damaskus, Mu‘awiya Ibn Abi Sufiyan (634 n. Chr.), versuchte den vierten und letzten Nachfolger des Propheten, Ali Ibn Abi Talib, durch Kleinkriege in die Enge zu treiben, um so an die Macht kommen zu können.

 

Im Jahre 660 n. Chr. wird der Kalif Ali (Kerrema Allahu Wejjhahu) durch einen Khewarijj - einen sogenannten Außenstehenden - namens Abdulrahman Ibn Meljjem, in einem Gotteshaus ermordet. Nach ihm übernimmt sein ältester Sohn Hassan die Kalifenwürde. Bald gibt er auf und verzichtet zu Gunsten Mu‘awiyas auf die Macht. Sein jüngerer Bruder Hussein ruft zu Widerstand gegen die Selbsternennung Mu´awiyas zum neuen Kalifen des Islams auf. Er versucht, die Muslime zu mobilisieren, um Mu´awiya in die Knie zu zwingen.

 

Im Jahre 681 n. Chr. werden Hussein und seine gesamte Familie auf bestialische Weise ermordet. Er wird enthauptet und sein Kopf wird nach Damaskus als Geschenk an Yezid gebracht.

 

Dieses Massaker an Hussein und seiner Familie leitete indirekt den Zerfall der umajjadischen Dynastie ein. Dieser schwarze Tag, also der Tag der Ermordung der Familie des Propheten, ist zu einem Gedenktag geworden. In Kerbela im heutigen Irak, wo die Familie ermordet wurde, gehen die Schiiten demonstrativ auf die Straße und verleihen ihrer Trauer Ausdruck. Der Tag heißt Aschura.

 

Diese politisch motivierten Morde und viele andere Greueltaten wurden den Yeziden unberechtigterweise von interessierten Zirkeln angelastet.

 

Dies ist eine Geschichtsfälschung, die dazu führte, daß die Yeziden jahrhundertelang verfolgt und verachtet wurden. Dies muß endlich ein Ende haben. Dazu dient ein ehrlicher Umgang mit der historischen Wahrheit.

 

 

 

Schlußbemerkungen

Im Schlußteil dieses Beitrages möchte ich durch einige Fragen deutlich machen, daß die Yeziden keineswegs die Anhänger des ummajjadischen Kalifen Yezids sein können.

 

Wie können sie Muslime sein, wenn sie ganz andere Gebete verrichten? Wie können sie Muslime sein, wenn sie andere Fastentage haben? Wie können sie aus der Rivalität zwischen den Ummajjaden in Damaskus und den Abbassiden in Bagdad hervorgegangen sein, wenn sie die vier Lebenselemente, Feuer, Luft, Wasser und Erde, verherrlichen? Wie können sie Anhänger Yezids sein, wenn sie ihre Toten völlig anders als die Muslime bestatten? Wie können sie Anhänger einer islamischen Sekte sein, wenn sie die Sonne als sichtbares Zeichen Gottes im Himmel und vor dem Islam sogar als Gottheit verherrlichen? Wie können sie Muslime sein, wenn sie zu Lalisch, ihrem Heiligtum, pilgern? Wie können sie Muslime sein, wenn sie niemals einen Außenstehenden oder Angehörigen einer anderen Religion in ihre Glaubensgemeinschaft aufnehmen? Wie können sie Muslime sein, wenn sie an die Existenz eines Engels namens Ta´usi-Melek glauben? Wie können sie Muslime sein, wenn sie nicht einmal an die Existenz einer Hölle und einer bösen Macht glauben? Ich glaube, hier gibt es keine plausiblen Antworten seitens der Muslime.

 

Und: Wenn die Yeziden bereits Angehörige einer islamischen Konfession gewesen wären, wieso wurden sie dann mit allen Mitteln bekämpft, um sie zum Islam zu zwingen?

 

Wieso wurden sie als sog. Bösenanbeter auf das Schärfste bekämpft, ihre Frauen zur Heirat mit Muslimen gezwungen?

 

Die heutigen, historisch bewußten, Yeziden verstehen sich als Angehörige einer altertümlichen, tiefwurzelnden und vorislamischen Religion, deren Sitten und Bräuche sich deutlich von den islamischen unterscheiden. Ich hoffe, mit meinem Beitrag Denkanstöße gegeben zu haben, daß die Welt und insbesondere die islamische, den Yezidentum als eigenständige nichtislamische Religion zu akzeptieren beginnt. Es ist aber auch an der Zeit, unter den Yeziden, vor allem den geschichtsunkundigen, mit fundamentalen Irrtümern aufzuräumen, um eine wahrheitsgerechte und klare Identität in einer multikuturellen Welt bewahren zu können.


 

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