Wasserknappheit im Shingal

Wasserknappheit im Shingal

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Dohuk/Oldenburg. Eine Delegation des Zentralrates der Yeziden in Deutschland (ZYD) ist soeben von einer Reise (30.05.-07.06.2015) ins Krisengebiet Kurdistan zurückgekehrt. Nach dem im August begonnenen Völkermord der IS Barbaren an die Yeziden und der Vertreibung 100.000er Yeziden gab es eine große Welle Hilfsleistungen internationalen Staatengemeinschaft. Vieles konnte seitdem erreicht werden. Dennoch kann leider längst nicht von einer Entspannung gesprochen werden. Die humanitäre Versorgung ist weiterhin kritisch. Der ZYD hat wichtige Sofortmaßnahmen eingeleitet, nachhaltige Projekte initiiert, bei politischen Verantwortlichen yezidische Interessen vertreten und die Ergebnisse seiner bisherigen Hilfen überprüft.

Es ist schon wieder unerträglich warm im Shingal, dabei hat der Sommer noch gar nicht richtig begonnen. Doch bei Temperaturen von weit über 40 Grad ist das Leben auf einem Berg ohne feste Behausung und mit wenigen Lebensmitteln zermürbend. Besonders dann, wenn es an Trinkwasser mangelt. Für die Delegation war es unvorstellbar. Nachdem Zweidrittel der mit LKW- organisierten Wasserzulieferung zum 01.06 eingestellt wurde, werden über 10.000 Menschen an akutem Wassermangel leiden. Im Shingalgebirge halten weiterhin knapp 3.000 yezidische Widerstandskämpfer die Stellung. Zudem leben in den Bergen am nördlichen Fuß des Shingalgebirges ca. 7.000 Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte, Kranke und Verletzte. „Da gab es nichts zu überlegen. Den Menschen müsste sofort geholfen werden“ so Telim Tolan, der Vorsitzende des ZYD. So beschloss die Delegation, dass zwei Trinkwasser Tankwagen zweimal täglich die Notleidenden ansteuern. Knapp vier Millionen Liter Wasser werden in den nächsten drei Monaten den Weg in die Berge finden und eine echte Hilfe für die Menschen sein. „Wie es dann weitergeht wissen wir noch nicht, auch unsere Ressourcen sind nicht unendlich“ blickt Tolan schon sorgenvoll in die Zukunft, hofft aber dass bis dahin weitere Spenden akquiriert werden können.

Bange machen gilt nicht, sonst hätte die Delegation gleich aufgeben können. Neben T. Tolan sind auch sein Stellvertreter Sülemann Kaya (Vorsitzende des Leerer Vereins), Generalsekretär Sahap Dag (Vorsitzender des Oldenburger Vereins) die Vorsitzende des Berliner Vereins Songül Tolan und der Pressesprecher des ZYD Holger Geisler im Krisengebiet unterwegs.
Die Ergebnisse nach acht Tagen harter Arbeit können sich sehen lassen. Für rund 150 Familienmitglieder aus IS Gefangenschaft entkommender Frauen und Kinder hat der ZYD Kühlschränke und Klimageräten gekauft. „Das mag nach Luxus klingen ist aber angesichts der Temperaturen eine unabdingbare Notwendigkeit“ so Sülemann Kaya, der vom Durchhaltewillen der Flüchtlinge tief beeindruckt ist.

Nachhaltig will der ZYD Wirken und Hilfe zur Selbsthilfe geben. Dabei ist ein Pilotprojekt, das in der Nähe des Flüchtlingscamps in Sharia startet, ein ganz wichtiger Baustein. „Wir haben ein 300 qm großes Haus für ein Jahr angemietet. Hier werden wir ab Juli niedrig schwellige Betreuungsangebote realisieren aber auch Fertigkeiten wie die Schneiderei vermitteln. Sie sollen für ein paar Stunden ihre schlimme Situation vergessen“ so Songül Tolan. „Vier Frauen, die ebenfalls als Flüchtlinge im Sharia-Camp leben, wurden eingestellt. Sie werden sich wöchentlich an sechs Tagen um die Frauen und Kinder kümmern“ erläutert die Berliner Wissenschaftlerin weiter. „Läuft alles wie geplant und ist der Erfolg messbar sollen weitere Häuser schnell folgen“ so Sahap Dag.

Auch die große Politik stand auf dem Programm der Reise. So wurde sich intensiv mit dem deutschen Generalkonsul und dem Politikchef des US amerikanischen Generalkonsulat ausgetauscht und in vielen Punkten Übereinstimmung festgestellt.
Noch konkreter wurde es in den Gesprächen mit dem Ministerpräsidenten der kurdischen Regionalregierung, Necirvan Barzani. Gemeinsam mit Hazim Tahsin (Stellvertreter des weltlichen Oberhauptes Mir Tahsin Beg), dessen persönlichen Berater Karim Silemann, Babasheikh Kheto – der höchsten Instanz für religiösen Fragen – und Vertretern des religiösen Rates war auch der ZYD bei diesem Treffen dabei. In diesem gab es wichtige richtungsweisende Entscheidungen, auf die die Yeziden schon lange warten. So würde dem Herzenswunsch entsprochen, einen eigenen Kongress gründen zu dürfen. Diesem werden yezidische Vertreter aus der ganzen Welt angehören, die die eigene Zukunft gestalten sollen. Dieser Kongress ist die Voraussetzung dafür, dass die yezidischen Interessen stärkere Berücksichtigung finden.

Um künftig auch über die Bemühungen und die Wege zur Normalität berichten zu können sowie eine eigene yezidische Sichtweise zu ermöglichen, hat der Ministerpräsident den Yeziden eine Zusage für die Bereitstellung eines eigenen yezidischen TV Senders erteilt.

„Bei den Problemen der Passerstellung hat der Ministerpräsident Hilfe von höchster Stelle versprochen die hoffentlich für eine schnellere Beschaffung von Ersatzdokumenten führen werden“ zeigte sich Sahap Dag hoffnungsvoll. Viele der Flüchtlinge verfügen bislang über keine Ausweisdokumente, was den Alltag natürlich erschwert. „Es war ein guter Tag für die Yeziden, aber jetzt müssen die Beschlüsse auch umgesetzt und konstruktiv begleitet werden so Dag weiter.

Die nächste Aktion steht schon in den Startlöchern. Dabei werden Spielzeig und Sportartikel, sowie Rollstühle, Rollatoren und Gehhilfen ins Krisengebiet gebracht. Die Verteilung erfolgt über den Kooperationspartner Humanity, einer yezidischen NGO. „Noch in diesem Monat startet ein Transport der den Jüngsten hoffentlich ein Lächeln auf die Lippen und etwas Leichtigkeit in die geschundenen Seelen zaubert, sowie den Kranken, Verletzten und Alten zu etwas mehr Mobilität verhilft“ bringt Holger Geisler seine Hoffnung zum Ausdruck. „Wenn man sieht wie die Kleinen mit Steinen spielen und die Alten sich nicht fortbewegen können, dann ist es gefühlsmäßig kaum auszuhalten“ so der Pressesprecher.

Doch Aufgeben kommt für den ZYD nicht infrage. „Mit unserer damaligen Ersthilfe von 200.000 Dollar haben wir den Flüchtlingen die ersten Tage etwas erleichtert. Die 15 LKW, die wir ins Krisengebiet bringen konnten haben die Not gemildert. Nach dem heißen Sommer 2014 und kalten Winter bereiten wieder unerträgliche Temperaturen von teilweise bis zu 50 Grad Probleme. Das wird eine echte Herausforderung in Sachen Hygiene und anderen Dingen. Doch wir machen weiter. Wenn diese Menschen die Kraft haben, nicht aufzugeben, müssen wir auch die Kraft haben, ihnen zu helfen“ so Telim Tolan abschließend, wohlwissend dass es noch Jahrzehnte dauern wird bis es wieder ein einigermaßen normales Leben für die 400.000 Flüchtlinge (das sind über 70% der in Kurditan lebenden Yeziden) geben wird.

Über die Gespräche mit dem Religiösen Rat, dem Landrat Shingal, Bezirksdirektor Sinune, den yezidischen NGOs Yazda und Humanity, dem Ratsvorsitzenden der Stadt Duhok und seiner yezidischen Stellvertreterin, den Leitern der Flüchtlingslagern Khetare, Khanike, Sharia und Esiya sowie Seric, dem Beauftragten der KRG zum Genozid, dem Amtsleiter für die Befreiung der in IS Gefangenschaft gehaltenen Yeziden, der größten yezidischen Organisation Bingeha Lalish sowie deren Frauenorganisation MAK, dem Mitglied der Verfassungskommission und weiteren Gesprächen und Begebenheiten werden wir in weiteren Artikel berichten.

Weitere Details zu den initiierten Projekten „Wasser für Shingal“, „Haus für Frauen und Mädchen“ und „Kühlschränke und Klimageräte“ folgen in den nächsten Tagen.


 

Wer helfen will, kann sich mit dem ZYD unter zentralrat@yeziden.de oder unter der 0172/73 10 434 in Verbindung setzen.
Das Spendenkonto lautet:
Volksbank
Yezidisches Forum e.V.
IBAN: DE 10 2806 1822 3670 2706 02
Kennwort/Verwendungszweck: Shingal